Der Umgang mit den Hinterlassenschaften der Nazizeit hat merkwürdige Züge angenommen. Groß war die Erregung der Öffentlichkeit, als sie erfuhr, dass in Wien ein umfangreiches Archiv der Gestapo mit den erkennungsdienstlichen Fotos ihrer Opfer aufgetaucht sei. Warum wusste man von der Kartei nichts?

Wie konnte sie im Stadtarchiv so lange unentdeckt bleiben? Die Fragen schienen einen düsteren Hintergrund von Vertuschung und Indolenz aufzurufen, vor dem sich nur das Bild des Entdeckers leuchtend abhob, eines ehemaligen Werbeunternehmers und nunmehrigen Doktoranden der Geschichte.

Allein, er hat die Akten nicht entdeckt. Er hat die Entdeckung der Akten nur an die Öffentlichkeit gebracht. Seit einem Jahr beschäftigt sich eine österreichische Historikerkommission mit dem Gestapo-Archiv. Damals war die Überraschung beträchtlich, dass die Akten, die üblicherweise vor Kriegsende vernichtet wurden, noch vorhanden waren. Aber damals ging niemand an die Öffentlichkeit

denn die Historikerkommission untersucht vornehmlich Fragen der Vermögensenteignung während der NS-Zeit, und sie tut es, wie Forscher es zu tun pflegen: still und geduldig.

Der Wiener Vorgang wiederholt als Burleske, was schon die Goldhagen-Debatte ausmachte: Die Öffentlichkeit entdeckte als skandalöse Neuigkeit, was von etablierten Historikern seit Jahrzehnten erforscht und keineswegs bestritten worden war: die massenhafte Verwicklung von Deutschen in die NS-Verbrechen.

So verhält es sich auch mit der Arbeit der Gestapo: Sie ist am Beispiel von Düsseldorf schon exemplarisch beschrieben worden. Warum also jetzt die Erregung? Es gibt einen Kriminalroman der unvergessenen Dorothy Sayers, dessen Titel den Sachverhalt recht gut bezeichnet. Er lautet Mord braucht Reklame.

Man muss dem Werbefachmann den Schritt in die Öffentlichkeit nicht verübeln.