Eine Journalistin der Agence France Presse (AFP) musste unlängst erleben, welch unangenehme Folgen die landestypische Nähe zum Objekt der Berichterstattung zeitigen kann. Auf einer Reise von Premierminister Lionel Jospin nach Brasilien fand sie nicht dessen Grundsatzreden, sondern bloß seine freimütigen Kommentare über das gute Abschneiden der Oppositionsparteien bei den Kommunalwahlen berichtenswert. Der Premier las die entsprechende AFP-Meldung noch während des Rückflugs und bekam einen seiner berüchtigten Wutanfälle. Sein Zorn wurde dadurch angestachelt, dass die chronisch defizitäre Nachrichtenagentur von seiner Regierung immer wieder finanziell unterstützt wird, zuletzt vor wenigen Wochen mit einem Kredit von 100 Millionen Franc. Jospin warf der Journalistin noch an Bord des Flugzeugs bewusste "Manipulation" vor - und zwar so heftig, dass die übrigen mitreisenden Pressevertreter gleich ein Protestschreiben verfassten und es nach vorne durchreichen ließen. Laut der Pariser Wochenzeitung Canard Enchainé entschuldigte sich Jospin daraufhin bei der schwer erschütterten Kollegin: "Inhaltlich habe ich Recht, aber weil Sie eine Frau sind, tut es mir leid." AFP hat die inkriminierte Meldung aber trotzdem vorsichtshalber aus dem Archiv gelöscht.

Wenn sich Medienmanager in Gefahr begeben wollen, besuchen sie ihre Redaktionen. In der vergangenen Woche wagte sich der Chef von Disney, Michael Eisner, in den konzerneigenen Sender ABC, um die Journalisten über bevorstehende Entlassungen zu unterrichten. Ebenso wenig wie für die Trickfilmzeichner in Hollywood könne es für Reporter Sicherheit vor Kündigungen geben, so seine Botschaft. Starreporter Ted Koppel ergriff das Wort und fragte Eisner, ob ihm der Name David Kaplan etwas sage. Eisner wich aus. Koppel kühl: Der sei bei der Arbeit für den Sender in Bosnien erschossen worden, wie andere Kollegen in den vergangenen Jahren. Ob Trickfilmer nicht weniger riskierten? Dann musste sich Eisner auch noch fragen lassen, wie er die 11-Millionen-Dollar-Prämie rechtfertige, die er sich im vergangenen Jahr trotz schlechter Geschäftslage hatte auszahlen lassen. Offizieller Kommentar zum Verlauf der Sitzung: Es sei ein "interessanter Dialog" gewesen.

Und wo bleibt das Positive? Hier: Der Rutland Herald aus Vermont ist eine Tageszeitung wie aus der Jack-Daniels-Whiskey-Werbung: 22 000 Auflage und keine Sorgen. Im vergangenen Jahr wurde das Idyll gestört, als sich Chefkommentator David R. Moats für ein Gesetz zur eheähnlichen Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften aussprach. Das gab Ärger mit der konservativen Leserschaft und mit Anzeigenkunden. Jetzt bekam Moats für seine Kommentare den ersten Pulitzerpreis in der 210-jährigen Geschichte des Blatts.

Nils Minkmar (offline@zeit.de)