Eigentlich ist Mozarts Così fan tutte ja eine Opera buffa. Eine Komödie, die vom Verwechslungstrubel lebt und vom Witz der angeklebten Bärte. Furioses Parlando treibt sie voran, und mitten in den größten Gefühlsverirrungen gibt es immer noch einen, der beiseite singt: "Ich könnte platzen vor Lachen."

Zwei junge Männer, die sich nach einer sinistren Wette gegenseitig die innig geliebte Braut ausspannen wollen, und zwei junge Frauen, die im Überschwang der Emotionen die Orientierung verlieren - schon dreht sich das Karussell der Leidenschaften, bis allen schlecht wird.

Aber an diesem Abend ist von einem turbulenten Buffaton nicht viel zu hören.

Eine rätselhafte Nachdenklichkeit durchzieht die Musik, ein Zweifeln und zögerndes Nachsinnen in allen Tonlagen. Sylvain Cambreling dirigiert Mozarts Così fan tutte am Opernhaus von Lyon, und man spürt es schnell: Er glaubt nicht an den Komödienschwung im Stück. Mit gebremsten Tempi und weichen, manchmal fast mulmigen Phrasierungen verschattet er (zum Beispiel im tumultuösen Finale des ersten Akts) Mozarts quecksilbrige Dramatik.

Stürmisch pochen die Herzen der jungen Leute bei ihm nur selten. Er entwickelt das Stück ganz aus der wehmütigen Stimmung, die im zauberhaften "Addio"-Quintett des ersten Akts auf geheimnisvolle Weise durchschlägt - in einer Musik, die mehr in Töne fasst als nur den vorübergehenden Abschied vom Liebsten. In ihr schwingt ein viel größerer Verlustschmerz mit. Um das Ende der unbeschwerten Liebe schlechthin wird da getrauert, noch bevor die ersten Illusionen zu Bruch gegangen sind. Und Cambreling legt etwas von dieser Melancholie über die gesamte Oper zu legen. In den besten Momenten spricht deshalb aus seiner Mozart-Interpretation eine einnehmende Empfindsamkeit.

Aber passagenweise klingt sie leider auch nur kraftlos und fad.

Mit Übermut allein wäre dem Stück freilich auch nicht beizukommen. Viel zu tief sind die Seelenwunden, die am Ende geschlagen sind, viel zu schwindelerregend die Abgründe der Leidenschaft, an deren Rand die beiden Paare im Verlauf der zwei Akte geführt werden. Wobei Mozart das geniale Kunststück gelingt, die tief empfundene Emotion und das ironische Als-ob ganz spielerisch zu verschränken. In der Kehle der einen ist der Liebesschwur Ausdruck unbedingten Ernstes, in der Kehle des Gegenübers nur fingierte Erregung. Oder umgekehrt. Oder beides zugleich. Atemberaubend, wie in Così fan tutte Vorgetäuschtes und Geglaubtes, Parodie und Tragik, Inszenierung und Wahrhaftigkeit bis zur Ununterscheidbarkeit zusammenfallen. Und in der hohen Zeit der Medien-Fakes von Big Brother bis Ich heirate einen Millionär hat eine solch böse, burleske Versuchsanordnung um Schein und Sein der Gefühle allemal ihre aktuelle Brisanz.