Da sind Texte, Ströme und Flächen von Text, die unsere Hirnrinde kaum kapiert, und da sind Bühnen-Bilder, die tief eindringen in unseren Augenhintergrund, und Schauspieler, die unser Innres anrühren, doch wissen wir nicht recht, wieso. Alles ist unklar, ein Nebelbrei aus Begriffen, Schreien und Auftrümpfen, ein Suadenschwaden: "Aber das meiste bleibt unbegreiflich, wenn man meine privaten Obsessionen nicht kennt. Wer sollte sie schon kennen? Ich rede und rede."

So redet Elfriede Jelinek in einer Nachbemerkung zu Macht Nichts. Aber wer in Jelinek-Stücke geht, weiß wahrscheinlich von ihren Obsessionen aus früheren Texten, weiß aus ihrem Roman Die Klavierspielerin von der "warmen Mutterjauche", in der das Kind paddelte, dieser "Abgott seiner Mutter, welche dem Kind dafür nur geringe Gebühr abverlangt: sein Leben"

weiß vom Vaterjämmerling, der in die Umnachtung floh, als sein Kind die Familie betrat

kennt den Mann als Jäger, aus dessen Schädeldecke "ein Gamsbart herauswuchert", sofern er sich nicht in Zwerglein spaltet, die ihr Schneewittchen umdrängeln. Nun sind sie alle wieder da, ans bleiche Licht eines neuerlichen Theatertextes gekrochen: die große Muttermumie, die ausgehöhlte Vaterpuppe, der Jägersmann (der heißet Tod) und das schwarzhaarige Girlie im Weißhemdchen. Die Jelinek hat ihnen "eine kleine Trilogie des Todes" geweiht: einen Monolog für die raumgreifende Mutter - und wieder, wie einst in Jelineks Burgtheater, schwadroniert Paula Wesseley untot durch Raum und Text, giert und geilt muttermächtig-ruhmsüchtig: "Das Fett tropft mir immer noch vom Kinn"! Und sie saugt alles Leben in ihr totes Fleisch: "Ich ganz allein bin ein ganzes Volk." Anbetung braucht sie nicht mehr: "Ich ertrinke ja schon darin. Ich habe eine eigene Sarg-Slipeinlage dafür!" - Beim dreiteiligen Tänzchen der Vampire kriegt nun die Tochter einen Pas de deux mit dem Jäger-Tod, danach der Papa seinen Monolog, dann steigt der Nebel, das Licht ermattet, und die armen Seelen haben erst mal wieder ihre Tagesruh.

Anna Viebrock hat die Trilogie in ein Triptychon gerahmt: Durch drei riesige Fenster - ein aufgeklapptes Glasaltarbild - sehen wir in eine triste Großwohnstube der Nierentischepoche, an der Rückwand äsende Rehe in einem manchmal gespenstisch weiß glühenden Ölbild

die abgestorbene Familie lehnt zu Tisch, und da ihre Containergruft hoch auf Betonstelzen ruht, sehen wir in der Tiefgarage drunter nun die Bodennebel steigen. Fernes Klagen und ein Streicherakkord wie aus einem Schubertquartett, dann stakst der Jäger mit umgehängtem Vollbart und Gewehr durch die Schwaden, zeigt stumm nach droben, wo jetzt ein Flackern durch die Familienglieder läuft, sie zucken wie ausströmende Luftballons und sacken in Schlaf zurück. Mutter lebt auf und drängt ans Fenster, uns mit ihrem Ego zu überschütten. Graham F. Valentine spielt sie als Spukschrat (wie Anthony Perkins die Mutter in Psycho)

sie ohrfeigt die erwachende Tocher, nutzt den Vaterrücken als Lesepult