Wole Soyinka, 1986 Nobelpreisträger für Literatur, gehört zu der kleinen Schar afrikanischer Stimmen, die sich auch in Europa und Nordamerika regelmäßig Gehör verschafft. Das nigerianische Multitalent, als Dramatiker, Romancier und Essayist gleichermaßen ausgewiesen, hat sich immer wieder auch mit engagierten politischen Kommentaren zu Wort gemeldet. Dabei sparte er selten mit unmissverständlicher Kritik an afrikanischen Potentaten und ihren Hofschranzen. Repressalien, längere Gefängnisaufenthalte in seinem Heimatland und schließlich das Exil waren der Preis dafür. In seinem neuen, mit einer soliden Dosis Sarkasmus und Polemik gewürzten Buch nimmt Soyinka zu einer ebenso fundamentalen wie kontroversen Frage Stellung, die seit geraumer Zeit schon für hitzige Debatten sorgt: In welcher Form steht Afrika für die Jahrhunderte des Leidens unter der Sklaverei, dem Kolonialismus und der Apartheid eine Entschädigung zu?

Bei diesem Thema verbinden sich wissenschaftliche, politische und emotionale Aspekte zu einem höchst unübersichtlichen Geflecht. Viele Afrikaner und Afroamerikaner sehen im transatlantischen Sklavenhandel das "Verbrechen des Jahrtausends". Gegenstimmen verweisen kühl auf die Mitbeteiligung zahlreicher afrikanischer Herrscher an der Versklavung ihrer Landsleute. Unter professionellen Historikern besteht bis heute Uneinigkeit über die langfristigen Folgen der wohl größten Zwangsemigration der Menschheitsgeschichte für den afrikanischen Kontinent. Ebenfalls umstritten ist, ob die europäische Kolonialherrschaft die Hauptverantwortung für die ungeheuren Probleme trägt, denen sich die Mehrzahl der Staaten südlich der Sahara heute gegenübersieht. Die erfolgreiche Klage ehemaliger NS-Zwangsarbeiter hat den Ruf nach Reparationen nun wieder lauter werden lassen. So verlangt etwa ein von der Organisation für afrikanische Einheit eingesetztes Komitee, dem hochrangige Persönlichkeiten vor allem aus Afrika angehören, vom Westen materielle Wiedergutmachung für den "schwarzen Holocaust".

Soyinka sieht durchaus die Problematik dieser Forderung. Schließlich seien, schreibt er, "die Verbrechen, die der afrikanische Kontinent gegen seine eigene Art begeht, von einem Ausmaß und, unglückseligerweise, auch von einer Art, die ständig das Erinnern wachzurufen scheint an jene historischen Verbrechen, die dem Kontinent von anderen zugefügt wurden". An der grundsätzlichen Verpflichtung des Westens zu Reparationen will der Autor jedoch keinen Zweifel aufkommen lassen. Durch Sklavenhandel und Kolonialismus seien Afrikaner ihrer fundamentalsten Rechte beraubt worden - ihres Menschseins. "Da scheint es nur angemessen, dass eine gewisse Art der Genugtuung stattfindet, um eben diese Vergangenheit auszutreiben." Wie das konkret geschehen soll, bleibt allerdings recht nebulös.

Den Zusammenhang von Erinnern, Sühne und Vergeben beleuchtet der Autor am Beispiel Südafrikas. Dort hat die "Wahrheits- und Versöhnungskommission" unter Vorsitz von Bischof Desmond Tutu die Aufgabe übernommen, Ursachen, Ausmaß sowie Verantwortung für die massiven Menschenrechtsverletzungen während der Apartheid zu ermitteln. Soyinka bekundet ausdrücklich Respekt vor der Arbeit dieses Gremiums. Doch zugleich fürchtet er, dass der Verzicht auf Entschädigungsforderungen in eine "Verherrlichung von Straflosigkeit" münden könnte, die weiteren Verbrechen Vorschub leistet. Insgesamt liefert Soyinka bedenkenswerte Argumente zu einer wahrhaft globalen Debatte, bei der hierzulande Afrika noch immer weitgehend ausgeblendet wird.

Wole Soyinka: Die Last des Erinnerns

Was Europa Afrika schuldet - und was Afrika sich selbst schuldet

a. d. Engl.