die zeit: Sie wurden als für Gentechnik zuständige bündnisgrüne Abteilungsleiterin im Bundesgesundheitsministerium entlassen, Ihr Entwurf eines Fortpflanzungsmedizingesetzes eingestampft. Ärgert es Sie eigentlich nicht, das die neue SPD- Ministerin Ulla Schmidt nun einen ausführlichen Dialog über das Fortpflanzungsmedizingesetz einfordert, den Sie und die Exministerin Andrea Fischer schon seit einem Jahr öffentlich geführt haben?

Ulrike Riedel: Ich freue mich, dass der Koalitionspartner SPD endlich unser Konzept übernommen hat. Das von uns im Mai vergangenen Jahres mit großer öffentlicher Beachtung veranstaltete Symposium zur Fortpflanzungsmedizin diente ja als Auftakt einer öffentlichen Debatte - die Dokumentation des Symposiums ist soeben als Buch erschienen. Wir haben von Anfang an eine partei- und fraktionsübergreifende Debatte zu einem Fortpflanzungsmedizingesetz gefordert, allen Fraktionen lag unser Eckpunktepapier als Diskussionsgrundlage vor. Aufgewacht sind SPD und auch die CDU aber erst, als in Großbritannien die Debatte über das therapeutische Klonen in ihre Endphase kam und Tony Blair verkündete, sein Land wolle in Europa die Nummer eins in der biomedizinischen Forschung werden. Da erst kam das Signal des Kanzlers, die Biopolitik zur Chefsache zu machen.

zeit: Die Grünen erschienen vielen als Bremser, ihr Entwurf für ein Fortpflanzungsmedizingesetz verbietet vieles, worüber die Gesellschaft doch erst noch diskutieren sollte.

Riedel: Der Gesetzentwurf enthielt viel mehr als nur Verbote. Es gibt ja auch dringenden Regelungsbedarf jenseits der umstrittenen Themen der Präimplantationsdiagnostik (PID) und des therapeutischen Klonens, über das jetzt alle reden. Nur einige Beispiele: die Sicherstellung des Kindeswohls und die kniffligen familienrechtlichen Fragen, zum Beispiel hinsichtlich der Samenspende. Hier ist nichts geregelt, es wird zunehmend Prozesse geben. Die Konservierung von überzähligen Keimzellen und Embryonen bei künstlicher Befruchtung ist ungeregelt

der Klonbegriff im Embryonenschutzgesetz muss neu gefasst werden, da das Klonen nach der Dolly-Methode von der gesetzlichen Definition nicht erfasst wird.

Der dringende Gesetzgebungsbedarf war zu Anfang der Legislaturperiode Konsens in der Koalition. Damals hatte die SPD-Fraktion abgelehnt, eine Enquetekommission Recht und Ethik der modernen Medizin einzusetzen, und zwar mit dem Argument, deren Entscheidungsprozess sei angesichts des dringenden Gesetzgebungsbedarfs zu langfristig angelegt. Als es dann einen Tag nach dem Ministerinnenwechsel plötzlich hieß, es gebe keinen Gesetzgebungsbedarf, haben sich viele die Augen gerieben.

zeit: Hätten Sie sich vorstellen können, dass am Ende der parlamentarischen Beratung die PID zugelassen wird?