Schön gesagt war das von Nick Cave, als er damals zu dem Schluss kam, Gegenwartspop schleudere bloß "Brocken vanillefarbener Babykotze in den Äther". Anno 98 kamen ihm diese Worte, in Wien, der Hauptstadt der Melancholie, wo der Eiferer zu einem Vortrag über das Liebeslied weilte. Was sich an Jüngerschaft im Hörsaal versammelt hatte, vernahm es gern: Die moderne Welt verdient den Zorn des Poeten.

Inzwischen ist er ein Mann von 43 Jahren, lebt gesittet mit Frau und Kindern in London - und hadert noch immer, nur eben ein wenig leiser. No more shall we part heißt seine jüngste CD, zu Deutsch: Wir werden niemals auseinander gehen. Der Titel muss sich wohl auf die innige Liaison von Dichtung und Schwermut beziehen, so düster elegisch ziehen die Lieder dahin, was wiederum, glaubt man Cave, in der Natur der Sache liegt. "Es gibt nun einmal nicht viele Themen, über die man Stücke schreiben kann", lässt er die Runde von Journalisten wissen, die angereist ist, um ein paar O-Töne aus erster Hand entgegenzunehmen, "am Ende bloß Liebe, Gott ... Noch was? Ich weiß nicht."

Gevatter Tod, wie konnte er ihn vergessen.

Den Hang zu letzten Dingen wird Nick Cave nicht los, die Neigung zum Predigen auch nicht. Mit ausdrucksloser Miene, die Augen hinter dunklen Gläsern verborgen, erklärt er seine vollkommene Abstinenz vom aktuellen Hitparadenfutter, preist dafür die Vorteile der Vita contemplativa. Ein guter Einfall, ein stilles Büro mit Blick auf die Themse - was will man mehr? David Bowie dagegen mit seinem "neurotischen Bedürfnis, sich selbst neu zu erfinden" - bloß noch ein ferner Exwahlverwandter. Verkündigt wird dies unter schummrigen Bedingungen und im Sportjackett: Für seine antizeitgenössischen Tiraden hat Cave die Montur eines Gentleman vom Lande gewählt, der hinter zugezogenen Vorhängen Audienz hält, als fürchte er nichts so sehr wie das Tageslicht.

Es ist aber auch nicht leichter geworden, Nick Cave zu sein, und womöglich hat dies gerade mit den sporadischen Ausbrüchen von Glück zu tun. Das bürgerliche Leben, das ihn nach langen Jahren als rastloser Wanderer von Warracknabeal, Australien (wir sprechen hier vom Geburtsort), über das alte Berlin und Sao Paulo in die neue Heimat führte, mag für jemanden, der angeblich 16 Überdosen überstanden hat (wir sprechen von Heroin, dem König der Kaputtmacher), eine schöne Beruhigung sein, aber ist es auch eines gemarterten Künstlers würdig? Ob er jetzt glücklich sei, hat der Reporter der Times ihn gefragt. Antwort: "I wouldn't go that far."

Nein, so weit will er dann doch nicht gehen, der Expunk und Lehrersohn, der die edleren Federn unter den Rockjournalisten zu ihren schönsten Formulierungen angestachelt, ja eine regelrechte Nick-Cave-Sekundärdichtung hervorgebracht hat. König der Nacht, Messias für Pubertierende in Schwarz, so haben sie ihn genannt, auch einen Höllenfürsten, der die Hausband in Dantes Inferno anführen könnte - allein, es hilft nichts. Mit No more shall we part, seinem vorläufigen Groß- und Hauptwerk, schließt Cave die Wandlung vom expressiven Selbstzerstörer zum romantisch gebrochenen Schöngeist ab.

Er möchte nicht Sänger sein, sondern Dichter