Die Faust in Akakijs Gesicht wäre sozusagen der ausschlaggebende Punkt gewesen, erklärte mir der Allianz-Vertreter, dem ich die Geschichte eines Bekannten erzählt hatte, dem sein Mantel abhanden gekommen war. Dieser Mantel war von ebenjenem Munde abgespart, der schließlich Ziel des ausschlaggebendes Punktes wurde, und sein Verlust zwang ihn zu einer Reise durch Verwaltungsräume, Vorstandsvorzimmer und zu der schmalen, durchlässigen Grenze zwischen Leben und Tod. Das Risiko, so schien mir nun, griff auch nach mir und meiner künftigen Garderobe. Mich trieb nur noch der eine Gedanke um und in die Arme des Vertreters: Wie konnte ich den Mantel, den zu erwerben ich gedachte, nun versichern? Hier, belehrte mich der junge Mann, müsse zuerst geklärt werden, um was für einen Mantel es sich handle. Um einen neuen, meinte ich und konnte keine weiteren Angaben machen, als dass ich ihn zu kaufen und auf keinen Fall zu verlieren gedachte. Von simplem Verlust wollte er jedoch nichts hören. Selbst der einfache Diebstahl war ihm zu banal: Nachdem er mich ins anheimelnde Areal der Hausratsversicherung gelotst hatte, sprach er nur noch von Brecheisen, von splitternden Fenstern und Nasen. - Ein Mann, der auszusprechen wusste, was mich ängstigte: Hier ging es um den vor keiner Gewalt zurückschreckenden, gewöhnlichen und darum auch mich bedrohenden Raub. Die Faust auf Akakijs Mund als ausschlaggebender Punkt, der die Portale der Hausratsversicherung öffnete, die greift, wenn andere schon zugegriffen haben. Meinem Bekannten, dessen Geschichte mir wie ein offenes Buch vor Augen war, warf ich vor, sich nicht als Teil eben des Risikobereichs verstanden und beitragszahlend eingeordnet zu haben, den die Versicherungen so meisterlich verwalten. Weit davon entfernt, das Risiko zu leugnen und Sicherheit zu versprechen, teilen sie einem jeden die persönliche Portion Unsicherheit zu und ein. Allein: In meinem Fall geriet sie viel zu groß, mir ging es nicht um Hausrat, um einen Mantel ging es mir. Der Allianz-Vertreter blätterte in Akten und Beschlüssen, die ihm erlaubten, mich und mein Mantelrisiko ins Singuläre zu begleiten. Er fand. Bei hohem Wert des Mantels, bei Pelz etwa, bestünde auch die Möglichkeit, ihn einzeln zu versichern. Mir war, als stupste mich von hinten mein Bekannter - woher das Geld? Vom Munde abgespart, auf den auch ich den Schlag erhielt - mein Allianz-Vertreter sah das anders und zeigte auf ein grünes Band der Sympathie am Marmoreingang gegenüber: Ich ging zur Bank, die damit warb, mich zu beraten. Ich kratzte all mein Geld zusammen und kaufte Aktien. Das funktionierte: Ich kaufte (und versicherte) jetzt schon den vierten neuen Mantel (Biberpelz). Risikobewusst trat ich auf den Börsenmarkt, die dunklen Straßen, wurde reich. Vorsorge, empfahl mein Versicherungsvertreter. Vermögensanlage, beriet mich der Bankangestellte. Fichte?, fragte mein Arzt, als der Neue Markt zusammenbrach und Eichensärge teuer waren. - Partnerschaft für den Kunden, raunte es plötzlich, die Infusion tropfte mir langsam in die Vene, es war, als fügte sich mit einem Male alles - das Börsenchaos, Armut, die Gewalt - zu einem großen hellen Ganzen -, und ich erholte mich schlagartig.

Dichter dran begeben sich im wöchentlichen Wechsel die Schriftsteller Moritz Rinke, Lena Kugler, Steffen Kopetzky und Maike Wetzel.