Die Zeit, 26.04.2001

Georg Blume war dabei, wie Jürgen Habermas in Peking vor Studenten sprach, ein großer Erfolg mit ein paar Missverständnissen und viel Applaus: "Zunächst dachte die Leitung der Peking-Universität an eine unspektakuläre Vorlesung in einer mittelgroßen Aula. Erst als man bemerkt, dass Habermas' Vorlesung am Vortag in der Qinghua-Universität fast zur Peinlichkeit geraten wäre, weil der Saal aus allen Nähten platzte, öffnet man das riesige Auditorium maximum, das einen ganzen Parteitag fassen könnte. 'Ich habe mit Gesprächen unter Akademikern gerechnet: Nun spreche ich vor offenen Sälen. Es ist alles viel politischer als ich dachte', staunt der Philosoph." Sublime Naivität des höheren Geistes!

Hanno Rauterberg erklärt mit einer historischen Reminiszenz, warum das Kanzleramt, das der arme Gerhard Schröder nun beziehen muss, so groß geworden ist: "In seiner Größe erinnert es ein wenig an die überbordenden Rathäuser, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts in vielen deutschen Städten entstanden waren. Hamburg etwa errichtete damals ein gewaltiges Monument der Bürgermacht, obwohl die Hansestadt durch die Reicheinigung ihre Autonomie eingebüßt hatte. Und ganz allmählich gibt sich jetzt auch das Berliner Kanzleramt groß und bedeutend, ganz so, als wollte es vom Ende des Nationalstaats, vom Projekt Europa nichts wissen."

Jan Distelmeyer hat in der Hollywood-Produktion der letzten Monate ein paar Filme entdeckt, die sich um die Ehre zu bewerben scheinen, zum Lieblingsfilm von George W. Bush zu werden. "Das Glücksprinzip" von Mimi Leder preist den mitfühlenden Konservativismus. "Tigerland" schildert einen beispielhaften Helden aus dem Vietnamkrieg, der also doch zu etwas gut war: "Es fehlen nur noch ein Öko-Thriller, in dem ein US-Chemiekonzern mit einem Präparat alle Umweltprobleme löst, und ein Kriegsfilm, in dem das neue Raketenabwehrsystem NMD die Welt vor irakischen Atomwaffen rettet." Am besten mit einem digital exhumierten John Wayne in der Hauptrolle, der die Leistungen der amerikanischen Software beweist!

Weitere Artikel: Anlässlich der freigegebenen Akten über Bert Brecht erzählt Fritz J. Raddatz Episoden aus der McCarthy-Ära, in der Edgar J. Hoovers FBI wütete wie eine kleine Stasi. ("Zwischen 1947 und 1954 wurden Tausende und Abertausende überprüft; knapp 10.000 verloren ihren Job ˆ Lehrer, Bibliothekare, Gewerkschaftler, Sekretärinnen, Angestellte in Buchversandhäusern...") Peter Kümmel erzählt von Christoph Schlingensiefs Zürcher "Hamlet"-Projekt, bei dem abtrünnige Neonazis die Hassmasken abnehmen sollen. Volker Hagedorn feiert die von Jonathan Del Mar besorgte Neuausgabe aller neun Beethoven-Sinfonien, ein wahrer Bestseller im Notendruck. Thomas Assheuer erinnert zum fünfzigsten Todestag an Ludwig Wittgenstein, und Claus Spahn schreibt zum Tod von Giuseppe Sinopoli.

Besprochen werden der Meininger "Ring", die Berlin-Biennale, der Film "Der König tanzt" über Jean-Baptiste Lully und Luk Percevals "Kirschgarten" in Hannover.

Aufmacher des Literaturteils ist Martin Mosebachs Beprechung von Mario Vargas Losas neuem Roman über den Diktator Trujillo: "Das Fest des Ziegenbocks" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages heute ab 14 Uhr).