Immerhin Gottes Stellvertreter auf Erden: Vicarius Christi! Aber Jürgen Möllemann soll nur der Stellvertreter von Guido Westerwelle werden. Und das reicht ihm nicht aus. Da er aber auch nicht gleichzeitig und zusammen mit Westerwelle (oder anstelle von Westerwelle) Parteivorsitzender der FDP werden kann, möchte er wenigstens Kanzlerkandidat werden, frei nach einem Motto von Franz Josef Strauß. Aber der Bayer hatte gesagt: Es ist mir egal, wer unter mir Kanzler ist… Möllemann hingegen denkt: Es wäre mir egal, wer unter mir Parteivorsitzender wäre! Das Problem besteht nur darin, dass die FDP sich nicht auf die Lachnummer eines eigenen Kanzlerkandidaten einlassen möchte – und wenn sie dazu gezwungen würde, dann würde sie jedenfalls Guido Westerwelle auch mit dieser Funktion betrauen. Also soll Möllemann Stellvertreter Westerwelles werden, damit er weder das eine noch das andere ist – weder Parteivorsitzender noch Kanzlerkandidat.

Also steht Möllemann vor einer saudummen Alternative: Entweder nimmt er den stellvertretenden Parteivorsitz an (dann stimmt er seine relativen Bedeutungslosigkeit auch noch zu) – oder er lehnt ihn ab (dann hat er zwar nicht zugestimmt, ist aber hinterher absolut bedeutungslos). So kann man die Luft herauslassen aus einem ziemlich – und ziemlich oft – aufgeblasenen Ballon!

Aber die Luft war im Grunde schon vorher heraus. Oder genauer ausgedrückt: Da war immer und immerzu nur Luft drin. Man muss wohl in der Politik das Maß des Selbstzweifels so gering wie eben möglich halten; sonst verzweifelt man an seinen Skrupel anstatt den anderen welche zu bereiten. Aber bei Möllemann hatte die Abwesenheit von Selbstzweifeln ausgesprochen pathologische Züge angenommen, die auch durch deftige Ironie nie zu relativieren waren. Wahrscheinlich hatte Möllemann sogar die Spottdrossel Strauß noch gerne lästern gehört: "Riesenstaatsmann Mümmelmann…", weil er es zu schätzen wusste, dass in einer Rede über ihn wenigstens das Wort Staatsmann vorkam.

Es wäre für viele Menschen, für mich ganz bestimmt, eine Verkehrung jeder Weltordnung gewesen, wenn eine Partei sich von einer solchen Figur hätte um den Verstand – und im übrigen dazu bringen lassen, ihn an ihre Spitze zu stellen. Im Grunde ist es schon schlimm genug, das man mit solchen Mätzchen wie "18 Prozent" und "Kanzlerkandidatur" über Monate hinweg die Phantasie von erwachsenen Staatsbürgern beschäftigen kann. Das gelingt freilich nur, weil das übrige liberale Spitzenpersonal unsere Phantasie weitgehend unberührt lässt. Und nur wenn sich daran etwas ändert, werden wir über Möllemann nie mehr etwas schreiben. Das ist eine Drohung, ehrlich!