Wenn Ahnungen in Gewissheit umschlagen: Diesen Punkt haben wir im Bildungswesen erreicht. Gefragt ist allerdings nicht die "Bildungsoffensive", die neuerdings in schöner Eintracht von Bundeskanzler, Ministerpräsidenten und Wirtschaftsbossen gefordert wird.

Wir wissen längst, dass den Schulen eine Legion neuer Aufgaben, von Computerkunde bis Ernährungslehre, zuwachsen. Wir wissen, dass deutsche Schüler im internationalen Vergleich nicht überragend abschneiden, dass es viele ausgebrannte oder unterengagierte Lehrer gibt. Wir wissen es aus den Medien, aus den wohlfeilen Aufrüttelungsreden. Doch über die Bedingung des lauthals beschworenen Aufbruchs in die Wissensgesellschaft wird beharrlich geschwiegen: den Elternbeitrag zur "Bildungsoffensive", die Erziehung.

Wer eigene Kinder hat, wer sich in den Schulen umsieht und den guten und kämpferischen Lehrern zuhört (von denen es mehr gibt, als die Medien suggerieren), der sieht sich mit einem dramatischen Widerspruch zwischen zweckoptimistischer Rhetorik und ernüchternder Wirklichkeit konfrontiert. Die Schulen sollen immer mehr lehren - und die Schüler bringen immer weniger von zu Hause mit.

Der Deutsche Lehrerverband hat sich in der vergangenen Woche mit einem drängenden Appell (www.lehrerverband.de) an die Eltern gewandt: "Bildungsoffensiven", heißt es darin, "sind nur denkbar, wenn sie von den Eltern zu Hause durch aktives Erziehen mitgetragen werden."

"Aktives Erziehen" ist die dürre Umschreibung für Selbstverständlichkeiten, die keine mehr sind. Dazu gehört, dass Kinder vor der Schule ein Frühstück bekommen; dass es irgendjemanden interessiert, ob und wie sie ihre Schularbeiten erledigen; dass sie ausgeschlafen zur Schule gehen; dass sie am Nachmittag Gelegenheit zu Sport und Spiel haben; dass die kulturellen Anregungen im Elternhaus sich nicht auf Dauerfernsehen beschränken; dass Schuleschwänzen zu Hause nicht verharmlost wird; dass Jugendliche nicht mehr Zeit beim Jobben als im Unterricht verbringen; dass Kinder sich halbwegs artikulieren können; dass Eltern die Elternversammlungen besuchen.

Solche scheinbar banalen Rezepte sind keine Hirngespinste arbeitsscheuer Schulmeister. Denn dramatisch ist die Zunahme der "Verhaltensauffälligkeiten": Mussten Lehrer vor zwanzig Jahren mit ein bis zwei schwierigen Schülern pro Klasse rechnen, so sind es heute fünf oder sechs. Diverse Statistiken liefern Beweise für die körperliche und seelische Vernachlässigung. Kinderärzte beobachten immer öfter Konzentrationsverlust und Hyperaktivität. Sprachheilpädagogen notieren alarmiert Sprachstörungen bei rund 20 Prozent der Erstklässler. Motorische Defizite haben den Unterricht im Geräteturnen dezimiert: Zu gefährlich, wenn man nicht einmal sicher auf einem Bein stehen kann, lautet die Begründung. Deutsche Schulkinder gehören nach einer Studie der WHO (Health Behavior in School-Aged Children Survey 1997/98) zu den müdesten in Europa. Die Erklärung? "Hoher Fernsehkonsum, der Gebrauch psychoaktiver Substanzen, mangelnde Bewegung und Depressionen".

Die Charakterbildung beginnt zu Hause