Wladimir hieß der KGB-Chef, der vor einem Jahrzehnt den Moskauer Putsch gegen die Perestrojka anführte. Wladimir Krjutschkow war sein voller Name und die Alleinherrschaft des Geheimdienstes ohne Gorbatschows Glasnost sein Ziel. Der Putsch scheiterte, die Sowjetunion zerbrach. Zehn Jahre später verwirklicht WladimirII., nämlich Putin, das Vorhaben seines Firmenkollegen vom KGB mit anderen Mitteln. Ohne Putsch, dafür aber mit Unschuldsmiene, kassiert er die offene Gesellschaft durch feindliche Übernahmen.

Seine Steuerpolizei durchwühlt die Redaktionen. Gasprom, der halbstaatliche Monopolriese und willfährige Golem des Kreml, schluckt die Glasnost-Medien. Die Staatssicherheit kann legal den elektronischen Briefverkehr kontrollieren; die Internet-Provider müssen ihre Verkabelung mit den Behörden sogar noch selbst bezahlen. Offiziell hat Putin mit all dem nichts zu tun.

Es ist die Wirtschaft, Dummkopf, antworten seine Leute sinngemäß auf besorgte Fragen nach Gasproms Rolle beim Ausblasen der Glasnost. Michail Gorbatschow klagt, dass sich die jüngsten Aktionen "gegen die gesamte russische Gesellschaft richten". Nur gegen sie? Für Putin, der Deutschland so gern Liebeserklärungen macht, hört die Freundschaft auch heute wieder beim Geheimdienst auf. Die Renaissance des KGB, der jetzt FSB heißt, macht vor der Bundesrepublik nicht Halt, wie Innenminister Schily jüngst beklagt hat.

Gerhard Schröder sieht Deutschland als "Motor für die Russlandpolitik der EU". Bei den jüngsten deutsch-russischen Konsultationen in Petersburg hat dieser Motor bedenklich gestottert. "Kurz", sagte der Kanzler, habe er mit Putin über den Fernsehsender NTW gesprochen, aber: "Ich glaube nicht, dass Putin die Pressefreiheit generell einschränken will." Glauben ist gut, Wahrheit ist besser. Sie lautet: Russlands Präsident hat den landesweit aufklärenden Kanal NTW ganz gezielt vor den deutsch-russischen Konsultationen ausgeschaltet. So konnte er die Gäste des Petersburger Dialoges als Statisten für sein show business as usual benutzen.

Geschäft soll Geschäft bleiben. Doch das läuft auch ohne Gerhards Schmusekurs mit Wladimir. Der Kanzler muss sich nicht länger als Brandts Enkel und Kohls jüngerer Bruder aufführen. Die russischen Panzer stehen nicht mehr in Berlin und vor Hamburg. Die alte Ostpolitik bedurfte der klug abgestuften Nachsicht mit einer Besatzungsmacht. Neue Ostpolitik hingegen verlangt Klarsicht für ein sachliches, nachbarschaftliches Verhältnis - im Zweifelsfall ohne gemeinsame Gartenlaube.

Putin möchte in allen europäischen Institutionen mitreden. Soll er. Aber dann muss er auch das europäische Regelwerk achten. Der Präsident will seine Großmacht mit neuem Lorbeer schmücken. Gern. Doch geht das nur mit freier Stirn - deshalb sollte er zuvor die Schlapphüte abziehen. Die G-7-Gruppe der demokratischen Industriestaaten muss ihm aber sagen, dass an ihren Tisch kein Autokrat gehört, der die Presse- und Meinungsfreiheit abwürgt. Die Parlamentarische Versammlung des Europarats kann auf Dauer nicht mit Abgeordneten zusammenarbeiten, deren Parteien zu Hause bei jedem kritischen Journalisten in der Medienarena den Daumen senken.

Für das nächste deutsch-russische Forum in Weimar ist dem Kanzler deshalb zu empfehlen, was Goethe den Tasso in altem, klarem Deutsch sagen lässt: Nun hüte dich und laß dich keinen Schein / Von Freundschaft oder Güte täuschen! Niemand / Betrügt dich nun, wenn du dich nicht betrügst.