Irgendwann kann er nicht mehr. Wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, weint er nur noch. Abends beim Einschlafen, morgens beim Aufwachen. Dazwischen träumt er von seinen Akten. Vor Stress fallen ihm die Haare aus. Endlich rafft er sich auf und gesteht sich ein, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Sagt den Kollegen, ich fahr in Kur, stellt euch drauf ein, dass ich länger weg bin. Warum, sagt er nicht. Schwäche zeigen ist nicht seine Stärke. Der 35-Jährige ist Richter in in einer kleinen Stadt in Süddeutschland. Er leidet unter dem Burn-out-Syndrom.

Den Begriff prägte der New Yorker Psychoanalytiker Herbert Freudenberger schon in den siebziger Jahren. Seitdem beschäftigen sich Psychologen wie Mediziner intensiv mit diesem Phänomen. Burn-out beschreibt einen Zustand, in dem nichts mehr geht, die Betroffenen sich "ausgebrannt" fühlen. Sie leiden unter körperlicher und seelischer Erschöpfung. Ein Zustand, der sich nicht schlagartig, sondern schleichend einstellt, meist Folge einer längeren Überforderung. Viele Symptome werden darunter zusammengefasst: psychosomatische Beschwerden wie Schlafstörungen, Herzprobleme oder Tinnitus. Im schlimmsten Fall kommt es zu schweren Depressionen, zum völligen Zusammenbruch, zu Selbstmordgedanken.

Der Richter hört rechtzeitig auf den Rat seiner Schwester und lässt sich in eine Klinik einweisen. In Deutschland haben sich mehrere auf Burn-out-Patienten spezialisiert. Er entscheidet sich für die Habichtswald-Klinik in Kassel. Zu den Schwerpunkten gehören dort erlebnis- und körperorientierte Verfahren, beispielsweise Rollenspiele, Körperübungen und Kunsttherapie wie das Ausdrucksmalen. Die Betten in der psychosomatischen Abteilung sind meist belegt, viele kommen mit dem zunehmenden Druck in der Arbeitswelt nicht mehr zurecht.

Der 35-Jährige mit dem jungenhaften Gesicht und den wachen Augen hat eine rasante Karriere hinter sich. In kürzester Zeit absolviert er sein Jurastudium, bekommt danach gleich eine Stelle. Obwohl "blutiger Anfänger", ist er bald "für alles zuständig": Adoptivsachen, Scheidungssachen, Abschiebehaft. Er liebt seinen Beruf, macht ihn "mit Leib und Seele". Immer ist er perfekt vorbereitet. Er arbeitet rund um die Uhr, verzichtet auf Urlaub. "Ich bin sehr belastbar", sagt er, "mein Anspruch war es immer, alles zu schaffen, egal, wie viel es ist."

Als in seinem neuen Dezernat eine Stelle ersatzlos gestrichen wird, sind die Aktenberge eigentlich nicht mehr zu bewältigen. Statt 600 müssen pro Jahr jetzt über 1000 Akten bearbeitet werden. Er will es trotzdem schaffen, so wie immer. Ordnet sein Privatleben der Arbeit unter: lässt seinen Urlaub verfallen, nimmt nur im Sommer ein paar Tage frei. Bearbeitet da die Akten, die er im Büro nicht schafft. Seine Freundin muss dreimal alleine in den Urlaub fahren, sie streiten sich deshalb. Kino, Theater, Reiten, Surfen, Tennis - für nichts findet er mehr Zeit, auf nichts freut er sich mehr.

"Ich hetze von Entspannung zu Entspannung"

Abends nach dem Essen kommen die Akten auf den Tisch. Für ein Buch oder einen Film hat er nicht die Ruhe, "in der Zeit könnte ich doch auch arbeiten". Zweimal geht er zum Direktor, sagt, es sei nicht mehr zu schaffen. Vor einer schriftlichen Überlastungsanzeige, wie in solchen Fällen üblich, scheut er sich. Krank sei er in den sechs Jahren trotzdem nie geworden, erzählt der Richter. Zumindest hat er sich nicht krank gemeldet. "Ich bin ein Typ, der auch mit Fieber verhandelt." Nur an Wochenenden oder zu Weihnachten ist das Fieber manchmal stärker, wenn er weiß, dass er im Büro nicht ausfällt. "Setz dich doch einfach mal hin und entspann dich", sagt die Freundin immer wieder. Aber er kann nicht.