Christian Spuck, 31, musste erst das Abitur machen, bevor er tanzen durfte. Der gebürtige Marburger studierte an der John Cranko-Schule in Stuttgart klassischen und modernen Tanz, war bei Anne Teresa de Keersmaker am Tanztheater Rosas in Brüssel und zwei Jahre choreografischer Assistent bei Marco Santi. Marcia Haydée holte ihn 1995 ans Stuttgarter Ballett. Ein Jahr später gab er sein Debüt als Choreograf. 1998 wurde er von der Fachpresse zum "Nachwuchschoreografen des Jahres" gekürt. Am 27. April hat "Carlottas Portrait" Premiere, Spucks zwölfte Produktion und die siebte für das Stuttgarter Ballett

Weil ich nicht mit dem Ball umgehen konnte, war ich als Kind nicht anerkannt. Beim Fußball musste ich immer ins Tor und bekam die Bälle an den Kopf. Am liebsten blieb ich deshalb im Haus und spielte mit meiner Zwillingsschwester Märchenrollen. Weil mein Vater eine Stelle als Oberarzt bekam, zogen wir von Marburg an der Lahn nach Kassel. Ich besuchte nun das Gymnasium, war frustriert, alles schien öde. Meine Eltern machten sich Sorgen und kauften mir eine Klarinette, auf der ich widerwillig eine halbe Stunde am Tag übte. Ich mochte keine Tonleitern und hasste die Hauskonzerte bei den Großeltern.

Mutter versuchte auch, mich für Sport zu interessieren, meldete mich beim Rudern an, beim Judo (da ging ich gleich gar nicht hin) - und dann beim Jugend- und Aktionstheater in Kassel. Das war's. Unter diesen Leuten fühlte ich mich wohl und akzeptiert, und als ich für meine erste Rolle, den Egon in Konrad oder das Kind aus der Konservenbüchse, Applaus bekam, war ich glücklich.

Über eine Freundin aus dem Aktionstheater kam ich als Statist in Shakespeares Sommernachtstraum zum Staatstheater in Kassel und war fasziniert. Wir saßen in der Kantine bei diesen großen Schauspielern, halb erstarrt vor Ehrfurcht und voll der Sehnsucht nach einem solchen Leben. Alles in mir war im Aufbruch, ich sog auf, was ich kriegen konnte. Zu fünft schrieben wir ein Theaterstück über die Liebe, Wenn das Zopfgummi pfeift, das wir in der zum Theater umfunktionierten Rumpelkammer unseres Stammcafés aufführten. Wiederum eine Bekannte ermunterte mich zu meiner ersten Ballettstunde. Als die Lehrerin sagte, ich sei talentiert, nahm ich sofort regelmäßig Unterricht und genoss - anders als in der Schule - den Drill der Übungen.

Mit 17 bewarb ich mich an drei Ballettschulen in Köln, Essen und Frankfurt und wurde überall genommen. Begeistert rannte ich zu den Eltern, wollte sofort Tänzer werden und die langweilige Schule hinwerfen. Sie wischten meine Träume vom Tisch. Zuerst müsse ich die letzten zwei Schuljahre, Abitur und Zivildienst absolvieren. Ich schimpfte, dann sei ich für alle Zeiten zu alt, um Tänzer zu werden. Sie blieben stur, und heute bin ich ihnen dankbar. Ohne die Erfahrungen jener Jahre könnte ich nicht choreografieren. Die Grenzgänge der Seele, die ich im Zivildienst aus der Arbeit mit psychisch Kranken erlebte, öffneten mir Türen in neue Gedankenwelten. Besonders geprägt hat mich aber auch die Begegnung mit einer Lehrerin für Literatur, Philosophie und Deutsch in der Oberstufe. Sie unterrichtete mit einer Tiefe, die das Schulsystem sprengte, brachte uns Nietzsches Kritik am Bürgertum nahe und Kafkas Düsternis. Mein Referat über Kafka, für das ich mich vier Wochen lang in mein Zimmer einschloss, war so umfassend, dass sich der komplette Kurs abends traf, um die Arbeit durchzunehmen - drei mal drei Stunden. Keinem war das lästig: Wir fühlten uns als etwas Besonderes.

Eines Abends saß ich wieder einmal im Theater, in der Premiere eines Balletts von William Forsythe. Als der Vorhang fiel, war ich fassungslos. Alles, was sich in mir angesammelt hatte, Eindrücke aus Kunst, Literatur, Musik und Theater, war auf den Punkt gebracht. Ballett bei Forsythe war nicht Gigi und Tutu, er formte Ideen und Gedanken, weitete das Theater von der Kulisse zum Raum für Kunst. Nun gab es kein Halten mehr. Ich ging nach Stuttgart an die John Cranko-Schule und ließ mich zum Tänzer ausbilden. Das war keine schöne Zeit - ich war 20, tanzte unter 16-Jährigen, die sich sehnten, den klassischen Romeo zu tanzen, und musste trotz meiner Klarinettenkenntnisse Tonleitern üben. Aber mir war klar, dass diese Ausbildung das Nadelöhr war, um endgültig in meine Welt zu gelangen, das Ballett.

Von meiner Choreografie Dos Amores 1999 waren erstmals alle rundum begeistert, Kritiker und Publikum. Ich hatte erreicht, was ich mir von Kindheit an gewünscht und im Aktionstheater erstmals gespürt hatte: Erfolg. Doch plötzlich war ich tieftraurig, weil ich spürte: Erfolg macht nicht glücklich, er fragt nach mehr. Das nagende Gefühl, es noch besser zu machen, zu vertiefen, neue Schrittfolgen zu konstruieren, Szenen wachsen zu lassen, lässt mich nicht los.