Die kleine Runde fortschrittlicher Herren, die sich dieser Tage im Haus Nr. 10 in Londons Downing Street traf, um über den Fortgang des gemeinsamen Projekts "Modernes Regieren" zu reden, widmete sich auch der nahe liegenden Frage: Was geschieht in Italien? Wie groß wird der Kreis der progressive governments übers Jahr noch sein? Amerika ist schon ausgeschieden. Als nächster möglicher Abgang, auch davor mochten die Regierungsberater aus Stockholm, Berlin, Den Haag und London die Augen nicht verschließen, steht Rom auf der Verlustliste. Und ein paar andere Mitte-links-Regierungen sehen gleichfalls schon ganz blass aus. Steht Europa vor dem Beginn einer politischen Wende?

Noch möchten nur wenige so recht daran glauben. Der Fall Italien sei zu speziell, um darauf eine europäische Dominotheorie - wenn Rom fällt, fallen auch andere linke Bastionen - aufbauen zu können. Nirgendwo sonst gebe es einen so kaltschnäuzig-demagogischen Herausforderer auf der Rechten wie Berlusconi. Und die Mitte-links-Koalitionen anderswo seien nicht so zerschlissen und erschöpft wie das Bündnis des "Olivenbaums", das sich von Romano Prodis Abgang nie mehr wirklich erholt habe.

Der Sonderfall

Das Besondere am "Sonderfall Italien" ist freilich auch, wie schnell die EU-Europäer sich darauf eingerichtet haben. Vor einem Jahr noch wurde eine mögliche Regierung unter Einschluss der fremdenfeindlichen Lega Nord unter dem Rechtspopulisten Umberto Bossi in Analogie zu Haider als zweiter Fall Österreich diskutiert, den es zu verhindern gelte. Davon ist heute keine Rede mehr. Sanktionen, Beobachtung, drei Weise? Nichts von alledem. Kritik und Krisenbewusstsein äußert sich so: "Alle hoffen", sagt ein Konservativer, "dass Berlusconi nicht zu stark von Bossi abhängen wird." Dann hofft mal schön.

Umso mehr investiert die kontinentale Mitte-rechts-Familie in Berlusconis Forza Italia, allen voran die CDU. Schließlich ist Forza, eine Mischung aus Fanclub, Bewegung und Partei, nach der Europawahl 1999 auf Drängen Helmut Kohls im EU-Parlament in die Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP) aufgenommen worden. Somit ist sie eine Schwesterpartei. Das macht das Zusammenleben und Helfen erheblich leichter. Die Forza erhält organisatorische Beratung aus Deutschland ("wir bemühen uns, sie zu einer richtigen Partei mit einem vernünftigen Programm zu machen", sagt einer der Entwicklungshelfer), was sogar von den noch Regierenden klammheimlich gebilligt werde ("die bitten uns, wir mögen mithelfen, dass die Forza auf europäischem Weg bleibt"). Ohne die Konrad-Adenauer-Stiftung, versichern deutsche Christdemokraten nicht ohne Stolz, hätte Berlusconi Mitte März die Großkundgebung neulich in Rom kaum zustande gebracht.

Auf dieser Veranstaltung hatte ein Sprecher der EVP denn auch erstmals verheißungsvoll von den Dominosteinen gesprochen: Nach dem Sieg in Italien wolle man Europa Land für Land von den Linken zurückerobern. Und dort sprach auch der Europapolitiker Karl Lamers von der CDU, sonst ein eher bedächtiger Mann, dem ehrgeizigen Medienmillionär sein Vertrauen aus. Und hegt seither die zarte Hoffnung, dass alle Anwesenden, womöglich sogar der Herr Bossi, auch seine Mahnung gehört hätten, die Politik dürfe "nicht an die Ängste der Menschen appellieren, sondern an ihre Hoffnungen". Skeptische Frage: Gab's dafür Applaus? Stoische Antwort: Na ja, Sie wissen ja, dann kommt erst die Übersetzung...

Zeit des Übergangs