Müller: Es ist natürlich richtig, dass die Zuwanderungsproblematik einen Zusammenhang mit den demographischen Entwicklungen hat. Auf der anderen Seite ist die Lösung der demographischen Probleme, die auf uns zukommt, durch Zuwanderung nicht zu leisten. Die Zuwanderung kann einen Beitrag zur Abmilderung der Probleme leisten, aber die Tatsache, dass wir immer weniger Geburten in Deutschland haben, die Tatsache, dass das Verhältnis zwischen den Generationen sich verschiebt, stellt uns vor Herausforderungen, auf die die Zuwanderung eine unzureichende Antwort ist.

Heinemann: Ist es denn überhaupt sinnvoll, sich über Zuwanderung zu unterhalten, bevor Klarheit über eine künftige Familienpolitik besteht?

Müller: Ich glaube schon, dass das Sinn macht, denn die bloße Tatsache, dass sie die Steuerung der Zuwanderung unter bevölkerungspolitischen Gesichtspunkten nur als begrenzt taugliches Mittel ansehen können, heißt ja nicht, dass wir diesen Tatbestand, dass jedes Jahr hundert Tausende von Menschen in die Bundesrepublik Deutschland kommen oder in die Bundesrepublik Deutschland kommen wollen, weiter so behandeln können, wie wir dies in der Vergangenheit getan haben. Wir haben kein in sich geschlossenes Gesamtkonzept der Zuwanderung. Es gibt unterschiedliche Tatbestände; die stehen ungeregelt nebeneinander. Das führt dazu, dass die Zuwanderung nach Deutschland im wesentlichen in die Sozialsysteme erfolgt, dass die eigenen Interessen der Bundesrepublik Deutschland nur sehr gering Berücksichtigung finden. Deshalb ist Handlungsbedarf gegeben.

Heinemann: Besteht denn nicht die Gefahr, dass Zuwanderer gegen Asylbewerber aufgerechnet werden?

Müller: Asylbewerber und anerkannte politisch Verfolgte sind auch Zuwanderer, sind auch Menschen, die in die Bundesrepublik Deutschland kommen.

Heinemann: Aber nicht unbedingt die, die wir "brauchen"?

Müller: Deshalb ist es ja eben notwendig, sehr genau zur Kenntnis zu nehmen, dass es unterschiedliche Tatbestände gibt. Wir haben nicht limitierbare Zuwanderung von politisch Verfolgten, von Flüchtlingen. Da erfüllen wir humanitäre Verpflichtungen. Wir haben die Binnenmigration innerhalb der Europäischen Union und wir haben dann völlig andere Tatbestände: die Spätaussiedler, die Familiennachzügler und die Frage der Arbeitsmigration. Das muss sehr differenziert behandelt werden, aber gleichwohl in einem Gesamtkonzept zusammengeführt.