Fischer: Wenn man die Rede gehört hat und eine erste Auswertung, dann können wir sagen, dass die Bundesregierung ihre bisherige Haltung bestätigt sieht. Wesentliche Punkte von uns sind in dieser Rede enthalten und genau an diesem Punkt müssen wir weiter arbeiten. Das ist nämlich die Frage der Zukunft eines wirksamen vertraglichen Rüstungskontroll- und Abrüstungsregimes, das unbedingt erhalten und ausgebaut werden muss, einschließlich einer wirksamen und verifizierbaren Verhinderung weiterer Aufrüstung. Das zweite ist die Vermeidung eines globalen und regionalen Rüstungswettlaufs durch einen kooperativen Ansatz inklusive der Frage der Zukunft von ABM mit Russland und China. Das dritte ist, dass diese Pläne zu einer möglichen Raketenabwehr mit einer drastischen Reduzierung der vorhandenen Atomwaffen verbunden werden muss und soll. Das letzte sehr, sehr wichtige ist die enge und die intensive Konsultation mit den Verbündeten und Partnern in Europa. Auch das halten wir für sehr wichtig, und genau das hat Präsident Bush zugesagt. Auf dieser Grundlage werde ich jetzt die Gespräche dann führen und vor allen Dingen die kommenden Konsultationen. Wenn Präsident Bush angekündigt hat, wo hochrangige Repräsentanten der Administration nach Europa geschickt werden, ist dies sehr, sehr wichtig. Ansonsten wird man die weiteren Erläuterungen abwarten müssen.

Simon: Herr Fischer, Sie sprachen die Konsultationen an, die der US-Präsident auch im Vorfeld schon gemacht hat. Er hat ja wohl auch mit Wladimir Putin gesprochen. Wo können Sie aber den kooperativen Ansatz, den Sie im Zusammenhang mit Russland ansprachen, erkennen? Die Russen sind ja nicht sehr begeistert von den Plänen?

Fischer: Wir müssen uns jetzt einmal genau anschauen und vor allen Dingen anhören, was es ist. Ich habe ja die Punkte, die für uns sehr wichtig sind, genannt. Die finden sich in der Rede angesprochen, und zwar ausdrücklich. Für uns ist wichtig, dass daraus nicht ein neuer Rüstungswettlauf entsteht, weder ein globaler noch ein regionaler. Wir sind nicht Nuklearmacht. Die Gespräche mit Russland werden jetzt auch abzuwarten sein. Ich denke, wenn man das mit dem vergleicht, was man im Wahlkampf gehört hat, ist es doch im wesentlichen ein kooperativerer Ansatz. Wie der genau aussieht, wie die Angebote aussehen, welche Möglichkeiten es gibt, etwa ABM fortzuentwickeln im Rahmen der Vorstellungen, die die USA ja noch konkretisieren müssen, all das sind offene Fragen. Wichtig ist aber, dass es keinen neuen Rüstungswettlauf gibt und dass das vertragliche Rüstungskontroll- und Abrüstungsregime gestärkt und nicht geschwächt wird.

Simon: Sie sprechen an, den Rüstungswettlauf zu verhindern. Ihre schwedische Kollegin Anna Lindh hat gesagt, das sei bereits der Anfang eines neuen Rüstungswettlaufs. Diese Meinung können Sie nicht teilen?

Fischer: Wir werden uns jetzt am Wochenende innerhalb der EU-Außenminister treffen, und das ist ein weiterer Punkt für uns. Bisher haben wir das so gemacht und das wollen wir auch in Zukunft so halten, uns hier eng abstimmen auch mit unseren europäischen Partnern. Da werden wir auch die unterschiedlichen Meinungen hören.

Simon: Ist das im Vorlauf nicht geschehen?

Fischer: Ich finde man sollte sich dort zurückhalten, dass man jetzt aufgrund der Rede bereits Fakten sieht, die noch nicht vorliegen, sondern wichtig ist, dass wir die Spielräume, die vorhanden sind, jetzt nutzen, um die Dinge, die ich Ihnen genannt habe, durchzusetzen. Das steht für uns im Vordergrund.