Nach der Debatte ist vor der Debatte: Erst wurde der Nationalstolz diskutiert, jetzt die Arbeitsmoral. Deutschland schafft was weg. Stolz, genauer: proud auf uns selbst, das haben wir in der von Bild aufgegriffenen Patriotismusdebatte gelernt, dürfen wir sein, wenn und insofern wir - mit Guido Westerwelle - auf der Woge der westlichen Tradition (sur la vague occidentale) schwimmen. Längst aber tobt der Faulheitsstreit, und die Opposition ist schon wieder dabei, das Machtwort des Kanzlers zu zerreden. "Natürlich"(!) gebe es ein Recht auf Faulheit, behauptet Unionsfraktionschef Friedrich Merz, "solange man damit nicht der Allgemeinheit zur Last" falle. Geht das überhaupt? Hat der Steuerzahler die Ehrenrunde, die Merz als Sitzenbleiber in seiner Schulzeit drehte, nicht mitfinanzieren müssen? Kostet nicht, wer rastet?

Doch halt! Die medizinische Wissenschaft versichert uns neuerdings, dass Fitness der Gesundheit schaden könne und dass Diäten fett machen. Ein Blick auf das Vorbild Amerika lässt das sogar glaubhaft erscheinen: Nirgendwo sieht man so viele dicke und kurzatmige Menschen wie im Land der fettfreien Ernährung und der joggenden Präsidenten. Die essfreudigen und fitnessfreien Völker am Mittelmeer dagegen sind schlanker und schöner. Wohlgefühle, gelegentlich ein Glas Rotwein, selbst Rührei mit Speck sollen gesünder sein als exzessives Fasten und Schwitzen, weiß die neueste Forschung.

Kurzum: Faulheit, Sichgehenlassen, verlängert das Leben! Aber haben wir wirklich ein Recht darauf? Haben wir nicht. Längst enthält die Riestersche Rentenformel zwischen demografischem Faktor, Vollanrechnungsverfahren und Umfragewerten einen Fitnesskoeffizienten: Die von den Achtundsechzigern mühsam durchgekämpfte Verwestlichung des bundesrepublikanischen Lebensstils (Mein langer Lauf zu mir selbst) entlastet die Rentenkasse! Sie erhält den Wirtschaftsstandort. Muss man denn Friedrich Merz immer alles erklären? Er sollte laufen gehen, mit Guido, the western wave.