Nur ein Zimmer weiter steht eine brennende Kerze vor der verschlossenen Türe. Wenn jemand im Hospiz stirbt, wird ein Licht vor dessen Türe gestellt. "Als Symbol, dass wir des Toten gedenken", erklärt Pfarrer Wolfgang Weiß, Leiter des Berliner Lazarus-Hospizes, in seinem Büro. Knapp zwei Monate hat Elenore Schulz in diesem Hospiz verbracht, bevor sie am frühen Morgen des Ostersonntags verstorben ist. Dieter Geuß war der Hauptbetreuer der 64-jährigen krebskranken Frau. Er hat gemeinsam mit einer Kollegin Frau Schulz am Morgen gewaschen und angezogen. Am Vormittag kam dann ihr einziger Sohn. 24 Stunden bleiben die Toten im Hospiz in ihren Zimmern aufgebahrt, um Angehörigen, Freunden und auch den Betreuern Raum zu geben, sich von den Toten zu verabschieden, mit ihrer Trauerarbeit zu beginnen. Ein paar Hausschuhe aus Plastik stehen noch unter ihrem Bett. "Sie hat es geschafft", sagt Geuß und schließt die Türe.

Den Ausdruck Sterbehaus mag Pfarrer Weiß nicht. "Das Hospiz ist eine Lebensstätte für Sterbende", sagt Weiß, das trifft für ihn die Sache eher. In Hospize kommen Menschen mit einer terminalen Krankheit, wie es im Fachjargon heißt. Menschen also, die sterbenskrank sind. Der Hospizgedanke lässt sich am besten mit zwei Worten umschreiben: versorgen und umsorgen - bis zuletzt, wenn eine Pflege und Sterbebegleitung in den eigenen vier Wänden nicht mehr möglich ist.

Mit der Diskussion um das Sterbehilfegesetz in den Niederlanden denkt man nun auch in deutschen Hospizen abermals über die eigene Aufgabe nach. Pfarrer Wolfgang Weiß ist vehement gegen eine aktive Sterbehilfe, wie sie in Zukunft in den Niederlanden erlaubt sein wird. Die Hospizarbeit als eine mögliche Alternative? Keine Alternative, denn "mit einer ausreichenden und guten Hospizarbeit stellt sich die Frage nach aktiver Sterbehilfe erst gar nicht", sagt Weiß. Zu dieser Überzeugung ist er in den vergangenen zwölf Jahren gekommen, in denen er Menschen und deren Angehörige beim Sterben begleitet. Wenn man seine Arbeit kennen lernt, versteht man das langsam. Aktive Sterbehilfe ist für ihn keine Lösung. Angesichts "der Geldnot im Gesundheitssystem" sei ein Gesetz wie das in den Niederlanden unverantwortlich.

Das Lazarus ist eines von zwei stationären Hospizen, die es in Berlin gibt. 31 Hospizbetten stehen der deutschen Hauptstadt mit ihren 3,5 Millionen Einwohnern zur Verfügung. Zu wenige für eine Stadt, in der alleine rund 9000 Menschen jährlich an Krebs sterben. Gut ein Dutzend weitere Hospizvereine arbeiten mit ehrenamtlichen Mitarbeitern ambulant und umsorgen die Schwerkranken zu Hause. Die Wartelisten für einen stationären Hospizplatz sind voll, aber manchmal dauert es nicht lange, denn ein Sterbender verbringt hier meist rund 30 Tage - manche auch nur Stunden.

Hund und Katze sind bis zuletzt dabei

Die Hospize wollen auf jeden einzelnen Patienten individuell eingehen, um den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Dafür würden schon 100 Betten in Berlin weiterhelfen. Pfarrer Weiß nennt die schwer kranken Patienten in seinem Haus "Gäste". Gäste, die sich dennoch zu Hause fühlen sollen. Manchmal gehören Angehörige und Freunde zu diesem Hospizalltag. Für sie gibt es ein kleines Zimmer am Ende des Ganges, mit Bett, Nachttisch und Fernseher. Wenn jemand will, kann er auch im Zimmer seines Angehörigen schlafen und sogar den Hund mitnehmen. Die Angehörigen können im Hospiz mitbetreut werden. Wenn Geuß sieht, wie dankbar viele Familien über die psychologische Hilfe hier sind, weiß er, warum er diesen Job macht.

"Natürlich haben die Schwerkranken den Wunsch nach einem erlösenden Tod", daraus macht auch Dieter Geuß kein Hehl. Wer in einem Hospiz liegt, hat Schmerzen und Angst. Angst vor dem Tod. Aber nur ganz wenige fragen ihn um Hilfe beim Sterben. Zum Beispiel: Können Sie das nicht beschleunigen? Oder: Ich will nicht mehr. "Das steht nicht in meiner Macht", sagt er dann. Was er tun kann und auch versucht, ist, immer da zu sein. Den Sterbenden die Schmerzen zu nehmen mit Palliativmedizin. Sie zu pflegen. Wenn jemand mit lebenserhaltenden Maßnahmen wie zum Beispiel einer Magensonde ins Hospiz kommt, dann werden diese weiter benutzt. Aber das wichtigste Ziel der Hospizarbeit: Niemand soll hier alleine sterben.