Seit einem guten Dutzend Jahren leben die Intelligenzforscher mit einem beunruhigenden Paradox. 1987 wies der neuseeländische Professor James Flynn in einer großen Studie nach: In sämtlichen untersuchten Nationen steigen die Intelligenzquotienten der Bevölkerung von Generation zu Generation beträchtlich an. Die Deutschen etwa verbesserten sich von 1954 bis 1981 um 17 Punkte. Die 1982 durchgetestete Truppe holländischer Rekruten schlug die Jahrgänge ihrer Väter um glatte 20 IQ-Punkte - wobei 30 Punkte weniger einen normal Begabten bereits an den Rand des Schwachsinns befördern.

Was immer dieser enorme Zugewinn bei Tests fürs praktische Leben bedeuten mochte, eines war sofort klar: Der so genannte Flynn-Effekt konnte nur durch Umwelteinflüsse zustande kommen. Der Genpool ändert sich allenfalls in weitaus längeren Zeiträumen.

Dummerweise war aber unter Experten längst gesichert, dass IQ-Unterschiede hauptsächlich auf Erbfaktoren zurückgehen. Diese Erkenntnis hatten die Forscher trotz gelegentlicher Prügel - weil sie bei der Gelegenheit Farbigen unterlegene Gene bescheinigten - erarbeitet, und sie steht bis heute. Eine Expertenkommission der amerikanischen Psychologenvereinigung Apa veranschlagt die Erblichkeit des Intelligenzquotienten auf drei Viertel.

Wie kann dann die Umwelt die IQs so in die Höhe treiben? Für dieses Rätsel präsentieren Flynn und der Ökonom William Dickens von der Washingtoner Brookings Institution jetzt eine mathematisch ausgefeilte Lösung. Zunächst rechnen sie das Paradoxon noch einmal in seiner vollen Pracht vor: Die nachgeborenen holländischen Schlau-Rekruten müssten der herkömmlichen Statistik zufolge in einer intelligenzfördernden Umgebung aufgewachsen sein, wie sie weniger als ein Zehntel ihrer Väter genießen durfte - kaum glaublich. Doch jetzt kommt der Trick: Dies gilt nur, wenn die geheimnisvollen Umweltfaktoren ihr Werk, unabhängig von der angeborenen Intelligenz, vollbringen müssen, also auf große und kleine Talente gleich wirken.

Genau das aber bezweifeln Dickens und Flynn. Ihrer Ansicht nach profitieren von einer intelligenzfördernden Umgebung vor allem diejenigen, die ohnehin schon mehr Begabung mitbringen. Sie erläutern das Phänomen erst einmal am ideologisch weniger heiklen Beispiel Basketball.

Auch da sind dramatische Zuwächse des Könnens zu verzeichnen - in den USA ist dieser Trend ungefähr seit der Einführung der Fernsehübertragungen zu verzeichnen. Haben die Amerikaner also vom eifrigen Glotzen Basketball spielen gelernt? Kaum, aber gerade der talentierte Nachwuchs hat womöglich trotzdem profitiert. Weil Basketball nun populärer ist, dribbelt der Papa eher ein paar Runden mit seinem begabten Söhnchen. Das wird ein bisschen besser, gewinnt Spaß an der Sache, geht vielleicht in einen Verein, lernt da neue Finten, und so nimmt der sportliche Fortschritt seinen immer schnelleren Lauf. Allerdings kommt es dazu nur, wenn der Knabe begabt ist - andernfalls gibt er schnell wieder auf.

Begabtere Kinder suchen oder schaffen sich eine förderliche Umgebung, das ist die Pointe - der so genannte Multiplikationseffekt. Bei einer klassischen Vererbungsstudie, etwa mit Zwillingen, würde jedoch die ganze Ballkunst aufs Konto der Gene gebucht. Das ist nicht völlig falsch, aber übersieht etwas Entscheidendes: Wichtig für den Erfolg ist auch die Umwelt, und sei es die Glotze.