Schmerz kann ja etwas so Schönes, so Behagliches sein im Theater, bei Tschechow-Aufführungen zumal. Wenn die Kirschbäume im frühen Licht schimmern, die Birken im Abendschein leuchten; wenn der Wind den Gesang von weither übers Wasser trägt; wenn die Menschen sich vor der feuchten Kälte in die Gutshäuser flüchten und am dampfenden Samowar, beim Kartenspiel von ihren verlorenen Hoffnungen, ihrem verpassten Leben zu sprechen beginnen ... Rasch verschwimmen dann die Konturen zwischen damals und heute, zwischen denen und uns, zwischen Wehmutssimulanten und gerührten Betrachtern - und vor lauter Melancholie und Vergeblichkeitsschauern kann einem ganz warm werden ums Herz.

Genau so aber wollte Luk Perceval am Schauspiel Hannover Tschechows Kirschgarten nicht inszenieren: schmerzverklärt, zerfließend in lyrischen Empfindungen. Denn nichts hasst der flämische Regisseur mehr als das Zelebrieren diffuser Gefühle - das hält er für ästhetischen Schwindel. In seinem zwölfstündigen Schlachten!-Marathon, der ihm europäischen Theaterruhm einbrachte, hat er Shakespeares Königsdramen zum Urbild für das ewige Auf und Ab der Macht verdichtet: blutig, grandios, mitleidlos. Und frei von aller moralisierenden Deutung. Es ist, wie es ist: Das ist Luk Percevals theatralische Maxime. In Aars! ("Arsch!") hat er die Orestie als eine archaische wie alltägliche Familienkatastrophe beschrieben, als Amoklauf zwischen Küchenmief und Weltraumkälte: Zerfall, Egomanie, Einsamkeit.

Es ist, wie es ist: Percevals Kirschgarten ist kein Seelendrama für die besseren Stände, keine Komödie mit edlem Trauerrand, kein Anlass für luxuriöses Selbstmitleid. Er ist von alledem das Gegenteil: nüchterne Bestandsaufnahme, hundsnormaler heutiger Alltag. Längst sind alle Träume ausgeträumt - geblieben ist nur das Gerede davon.

Ja, möchte man Perceval sogleich zustimmen, so ist es wohl, so geht es zu. Trivial und geschwätzig, schrill und ordinär. Der Erinnerungsschmerz, von dem die Leute faseln, der sie gelegentlich befällt wie föhnbedingtes Kopfweh, wirkt banal, die Träne, die die massige Gutsbesitzerin Ranewskaja (Marion Breckwoldt) schnell mal verdrückt, fast schon kitschig. Man hockt, auf hölzernen Kinderstühlen, um einen Billardtisch herum, man trinkt und raucht, man döst und quasselt - und nicht nur Tschechow-Text, sondern auch viel Hinzuerfundenes, Floskeln und Partyschnack. Mal wird ein Flipperautomat auf Katrin Bracks Bühne gerollt, mal eine Musicbox. Auf blühende Bäume kann da kein Blick mehr fallen: Der Kirschgarten ist keine Sehnsuchtsmetapher - er ist eine Immobilie, die man sich nicht mehr leisten kann. Lopachin, der künftige Besitzer, rollt seine Bauskizzen auf dem Spieltisch aus, als wolle er nur mal eben die Pläne für eine überfällige Garagensanierung präsentieren. Und doch ist dieser Parvenü eigentlich kein unangenehmer Typ; Benjamin Höppner geriert sich nur ein bisschen flotter, tatenfroher als die anderen. In Percevals neuer middle-class sind Standesunterschiede längst passé.

Alle sind hier, jeder auf seine Weise, Realisten. Aufgeklärt, abgeklärt, abgebrüht. Niemand macht sich etwas vor. Aufstieg und Abstieg, Ankunft und Abschied - es sind nur noch Zitate, beliebig abrufbar. Reststimmungen allenfalls am Rande. Tschechows Tragödienpotenzial ist aufgebraucht, Perceval inszeniert Desillusion in vier Akten. Akt I: der große Talk, jeder hat was zu erzählen. Akt II: Der soziale Firnis ist dünn, wachsende Aggression. Moritz Dürr, der Student, versteigt sich in eine groteske Suada über Gott und die Umwelt, über Methangas und soziales Netz - Wortdiarrhöe. Akt III: große Sause, großer Crash. Man säuft und grölt, man kotzt und lässt die Hosen fallen. Selbst der alte Diener Firs, Methusalem mit Prophetenbart (Heinz Kreitzen), wird zum Faun. Worte tun nichts mehr zur Sache: Stimmbandwahnsinn, Mobiliarzertrümmerung. Akt IV und Schluss: der Katzenjammer. Stille bricht aus. Ein paar Blicke noch, die andeuten, dass da ein Leben gerade versickert, Warjas Blicke (Oda Thormeyer). Doch es wird weitergehen irgendwie, es geht immer weiter. Kein Grund zum Lamento.

Wer könnte Perceval widersprechen? So ist es wohl wirklich mit dem Glück und den Hoffnungen und den Träumen: dass nie was draus wird. "Das Leben, das wir hier führen, ist ziemlich idiotisch", sagt Lopachin. Sagt Perceval. Und so stocksachlich, so grundehrlich hat er das Stück inszeniert. Man muss ihm das hoch anrechnen.

Wenn da nicht doch noch etwas wäre bei Tschechow, das wir schmerzlich vermisst haben an diesem Abend: der Kirschgarten. Dieses Inbild leuchtender Erinnerungen, der Wärme und einer unvergänglichen Kindheit. Nein, Perceval hat ihn nicht komplett gestrichen: Am Ende, immerhin, trägt einer einen Birken(!)stamm durchs Bild - letzter Gruß vom abgeholzten Terrain, letztes Valet auch an alle seligen Birkenwald-Inszenierungen vergangener Jahrzehnte.