Barock im Kino kommt immer gut. Schon alleine wegen der schweren Brokatstoffe und des vielen Golds, das die Ausstatter dann verarbeiten dürfen. Die bebenden Dekolletés der Hofdamen versprechen erotische Ausschweifung. Unter den steifen Puderperücken tragen die Adeligen Lockenmähnen wie Popstars von heute. Und ganz leise weht über allem dieser herrliche Pesthauch dekadenter Verderbnis.

Ein wunderbar sinnenpraller Moment ist es, wenn Jean-Baptiste Lully, der Lieblingskomponist von Louis XIV., dem französischen Sonnenkönig eine Ouvertüre schmettern lässt, bis er sich die Nagelspitze des Taktstabs, der im 17. Jahrhundert noch Gehstockgröße hatte, mit voller Wucht in den Fuß rammt. Folgt nach hartem Schnitt der Blick aufs Sterbelager des Komponisten. Mit tief liegenden geröteten Augen, im finalen Fieber fantasierend, sieht man den Maître, während die Herren Doktoren die grobe Eisensäge auspacken, um den maladen Fuß zu amputieren. Jean-Baptiste Lullys bizarrer Arbeitsunfall zum Tode ist historisch verbürgt. Und der französische Regisseur Gérard Corbiau (der mit dem Kastratenfilm Farinelli bereits einen Kinoerfolg aus dem Geist der Barockzeit gedreht hat) lässt es sich natürlich nicht nehmen, seinen Film Der König tanzt über Ludwig XIV. und dessen Hofkapellmeister mit dieser spektakulären Szene zu beginnen.

So haben wir uns das barocke Leben auf Schloss Versailles immer schon vorgestellt, wo Giovanni Battista Lully, aus ärmlichen italienischen Verhältnissen stammend, zum ersten Musiker im absolutistischen Staat aufsteigt: Tagsüber brechen majestätische Reitergesellschaften zur vornehmen Jagd auf, abends tanzt der Sonnenkönig, ganz in Goldbronze getaucht, auf rauschenden Theaterfesten, und nachts finden schwüle Orgien mit barbusigen Mätressen statt.

Maliziös verziehen die Hofschranzen die Münder, wenn der neue Herrscher sie kaltstellt, aber unter schwarzen Masken meucheln sie dann heimlich Lustknaben, um den Günstling Lully wieder zu Fall zu bringen. Schöne junge Frauen gebären mit spitzen Schreien Kinder in Steißlage. Dem tuberkulösen Molière sickert auf offener Bühne beim finalen Blutsturz der rote Lebenssaft aus den Mundwinkeln. Und immer spielt die Musik dazu, die der Dirigent Reinhard Goebel und sein Ensemble Musica Antiqua Köln mit extra pompösem Schmiss und kräftigen Farben für den Film aufgenommen haben.

Corbiau kann sich aber nicht so recht entscheiden, ob er die private Geschichte einer latent homoerotischen Männerfreundschaft zwischen Lully und Louis erzählen will oder ob es mehr um die Wechselwirkungen zwischen Kunst und Macht gehen soll. Ob er den Sonnenkönig als spleenig durchgedrehten Egomanen porträtieren will oder als einen jungen Aufbegehrenden, der mit den Mitteln der Kunst die Bigotterie und die verkrusteten Moralvorstellungen am französischen Hof aufbricht. Ob er aus Lully nur einen gewissenlosen Karrieristen machen soll, der irgendwann sogar seinen alten Weggefährten Molière verrät, oder einen smarten Barock-Rocker, der sich mit Sex and drugs and Rock 'n' Roll am höfischen Leben berauscht, der Komponisten-Konkurrenz die scharfen Bräute ausspannt und, wenn es sein muss, sein Arbeitszimmer zu Kleinholz schlägt.

Corbiau zeigt von allem ein bisschen, ohne tieferen Sinn, ohne dramaturgisches Ziel. Einmal sieht man Lully nackt hingestreckt auf weißen Bettlaken. An seinem schönen Körper kleben fette Blutegel. Ein passendes Bild: Auch Corbiaus Film saugt sich fest am prallen Leben des Barocks und zapft der Epoche so viel Blut ab, wie nur irgend geht.