Alles ist schlechter geworden, nur eines ist besser geworden: Die Sexualmoral ist auch schlechter geworden" - so las man es in den sechziger Jahren auf so mancher Wand. Erfreulich, wo doch sonst alles den Bach runter geht. Aber es kommt noch besser. Keine vierzig Jahre später ist von einem weiteren Aufschwung zu berichten: Auch mit dem deutschsprachigen komischen Gedicht ist es bergauf gegangen.

Wann? Im Laufe des letzten Jahrhunderts.

Weshalb? Weil das Genre fortwährend spaßsuchende Geister angelockt hat, die nichts Ehrenrühriges darin sahen, in die Fußstapfen der Väter und Großmeister zu treten oder sich ungeniert auf deren Schultern breit zu machen: Zwerge auf den Schultern von Riesen sehen bekanntlich ein Stückchen weiter als die Träger.

Wie eine solche Behauptung belegt werden kann? Anhand der Anthologie Lieber Gott, Du bist der Boß, Amen! Dein Rhinozeros.

Dieser Titel ist ein komplettes Gedicht von Harry Rowohlt; zum besseren Verständnis hat ihm der Herausgeber Christian Maintz noch einen Untertitel beigegeben: Komische deutschsprachige Gedichte des 20. Jahrhunderts.

Vor nunmehr gut siebzig Jahren hat Kurt Tucholsky in einem vergleichbaren Kompendium, dem Bänkelbuch, geblättert und seine Überlegungen in der Weltbühne veröffentlicht: "Das Genre ist nicht groß. Es sind immer wieder dieselben sechs oder acht, die diese leichten Verse machen, die Spaß am Spaß haben und Freude an der Ironie. Dergleichen ist bei uns nicht so übermäßig beliebt. Darüber ragt steil die Hornbrille einer verstandesmäßig kühlen Lyrik, die keine ist, darunter riecht es nach dem Humor des Bieres. Wir anderen stehen in der Mitte."

"Wir", denn auch Kurt Tucholsky alias Theobald Tiger ist in der Anthologie vertreten. Ihr Herausgeber heißt Erich Singer, und folgt man der Rezension Tucholskys, dann enthält sie durchaus mehr als die erwähnten sechs bis acht Autoren, nämlich dreizehn, von denen zwei freilich nur im Vorwort auftauchen: Bertolt Brecht und Joachim Ringelnatz hatten es abgelehnt, in das Bänkelbuch aufgenommen zu werden.

Beide sind jedoch im Rhinozeros vertreten, ebenso wie die Bänkelbuch-Dichter Frank Wedekind, Erich Kästner, Klabund, Tucholsky und jemand, den dieser in seiner Rezension mit wundersamen Worten gefeiert hatte: "Hier ist mein allerliebstes Lieblingsgedicht, eines, darin die deutsche Sprache selber dichtet, man hört ihr Herz puppern; das ist überhaupt nicht auf Papier geschrieben, das ist in den Blumentöpfen des Balkons gewachsen." Das Lieblingsgedicht stammt von Konrad Weichberger und hebt folgendermaßen an:

Laß du doch das Klavier in Ruhe;

es hat dir nichts getan;

nimm lieber deine Gummischuhe

und bring mich an die Bahn -

Mehr hat Tucholsky seinerzeit nicht zitiert - dank Maintz weiß ich nun endlich, wie das Gedicht weitergeht. Zunächst nicht ganz auf der Höhe der ersten Strophe, erst die vierte und letzte erreicht wieder das alte Niveau:

Wirst du im Album einst entdecken

mein Antlitz, rund vor Bier,

so sage: Wo mag der nun stecken!

Das war ein Freund von mir.

"Das Genre ist nicht sehr groß" - wie er begonnen hatte, endet Tucholsky seine Rezension von 1929. Das Genre ist erheblich größer geworden - das lehrt ein Blick in die Anthologie des Jahres 2000. Drei Autorinnen sind darin vertreten und so um die fünfzig Autoren. Rund zwanzig dieser Dichter gehören noch jener Generation an, aus welcher sich auch das Bänkelbuch speiste, der Rest ist seit den zwanziger Jahren nachgewachsen - und zum Teil auch schon wieder vom Schicksal gefällt worden: H. C. Artmann (1921-2001) und Ernst Jandl (1925-2000) machen den Anfang, Simone Borowiak (1964) bildet das Schlusslicht.

"Eine augenfällige formale Gemeinsamkeit der meisten komischen Gedichte ist ihr Traditionsbezug", schreibt Maintz in seinem Nachwort; im Gegensatz zur "ernsten Lyrik" seien sie vorwiegend gereimt und bedienten sich regelmäßiger, periodischer Vers- und Strophenformen.

Das ist richtig gesehen, sagt aber noch nichts über das Gelingen des komischen Gedichts aus. Zumal für den Reim gilt, was Schiller vom Feuer gesagt hat: "Wohltätig ist des Feuers Macht, / wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht" - aber -: "Wehe, wenn sie losgelassen!"

Ohne Wort, ohne Wort

rinnt das Wasser immerfort,

andernfalls, andernfalls

spräch es doch nichts andres als:

- so sinnig und mitreißend fängt ein Gedicht Christian Morgensterns an - den wunderschönen Rest mag jeder selber nachlesen.

Wie ein Gedanke

Saß auf der Banke

Ein Fräulein Franke.

Da kam der Herr Piesewitt

Und nahm die Dame mit

- so unsinnig und niederziehend beginnt das siebenzeilige Gedicht Fräulein Franke des Merz-Künstlers Kurt Schwitters, dessen Rest pointenfrei versandet:

Da hat Piesewitten die schönsten Stunden

In Fräulein Frankes Arm empfunden.

Gedanke-Banke-Franke: Noch bis in die fünfziger Jahre sind die Folgen solch unbedarfter Freude an der Unsinn-Stiftung qua Reim nachzulesen. Dada- und Merz-Künstler hatten das komische Gedicht infantilisiert, kindlich und kunstlos lässt auch Paul Celan den Reim querbeet hoppeln:

In der R-Mitage,

da hängt ein blauer Page.

Da hängt er im Lasso:

Er stammt von Pik-As(so?)

Wer hängt ihn ab?

Der Papperlapapp ...

und so fortan bis zur zwölften und - uff! letzten Zeile.

"Sprachspielerisch-reimfidel" nennt Waitz derlei Geklingel - da hat, fürchte ich, den ansonsten verdienstvollen Sammler und Nachworter die schiere Tatsache geblendet, auch mal den allseits verehrten Ernstmacher Paul Celan im Kreise der Fünfziger-Jahre-ff-Spaßmacher begrüßen zu dürfen.

Das Gros dieser Spaßmacher - auch sie, wie Schwitters und Celan, selten Vollzeit-, meist Gelegenheitsspaßmacher -, ließ sich glücklicherweise nicht vom reimfidelen Ungeist anstecken. Sie knüpften vielmehr an formstrenge Traditionen des komischen Gedichts an, die bis zum Jahrhundertbeginn und weiter zurückreichen: Ror Wolfs Rammer- und Brecher-Sonette sind nach dem gleichen überzeitlichen Reimschema abba / abba / et cetera / und so weiter gebaut, welchem sich um 1910 bereits das Autorentrio Rubiner, Eisenlohr und Hahn gebeugt hatte, um seinen fabelhaften Kriminalsonetten jene Dauer zu verleihen, welche Klassiker nun mal auszeichnet, nicht zuletzt Komikklassiker.

Dass trotz der gemeinsam genutzten Form von keiner Nachahmung die Rede sein kann, liegt nicht nur an den verschiedenen Inhalten - hie Verbrechen, hie Fußball -, sondern an den grundverschiedenen Erzählweisen. Die Kriminalsonette referieren äußerst geraffte Kriminalfälle, die beispielsweise so beginnen:

FRED wird in einem braunen Tabakballen

Vom Hafen in die Zollstation getragen.

Dort schläft er, bis die Schiffsuhr zwölf geschlagen.

Erwacht und schleicht sich in die Lagerhallen.

Mächtig was los beim Autorentrio! Während der eine - Ror Wolf - das Kunststück fertig bringt, ausgerechnet das haltlose und inhaltslose Gerede am Rande eines Fußballplatzes in die strenge Sonettform zu gießen:

Das ist doch nein die schlafen doch im Stehen.

Das ist doch ist denn das die Möglichkeit.

Das sind doch Krücken. Ach du liebe Zeit.

Das gibt's doch nicht. Das kann doch gar nicht gehen.

Auf noch ältere Traditionen des komischen Gedichts greift Markus Werner zurück. Seit dem 19. Jahrhundert kursieren die unterschiedlichsten gereimten Alphabete. Im bekanntesten, dem von Wilhelm Busch illustrierten Naturkundlichen Alphabet, geht es um Tiere und Pflanzen. Zum Buchstaben L lesen wir:

Die Lerche in die Lüfte steigt,

Der Löwe brüllt, wenn er nicht schweigt.

Im dreistesten, dem Goldenen Alphabet, geht es darum, jedwedes Sachgebiet mit dem Thema Nummer eins zu verkuppeln. Das liest sich zum Buchstaben B folgendermaßen:

Die Bibel ist ein gutes Buch.

Vom Beischlaf kriegt man nie genug.

Um Geschlechtliches dreht es sich auch in Markus Werners Kleine Liebes-Organologie, doch zieht er sein Programm noch strenger durch als seine Vorgänger. Von A bis Z geht es Zeile für Zeile durchweg um Körperliches in allen Spielarten. Schauen wir mal unter O wie Organ nach:

Das Ohr küßt man bei Kerzenlicht.

Den Oberkieferknochen nicht.

Gelegenheit macht Späße - neben Markus Werner sind im Rhinozeros noch weitere Teilzeit- oder Gelegenheitsspaßmacher mit komischen Gedichten vertreten, beispielsweise der Zeichner Horst Janssen mit seinen wunderbar dreisten Caspar David-Versen.

Da zudem die Gedichte von - zum Beispiel - Fritz Eckenga und Thomas Gsella belegen, dass auch die Profession der komischen Dichter nicht ausstirbt, könnte ich mit Tucholskys Worten enden - "Das wärs. Ein hübsches Buch" -, würde das Buch nicht noch eine weitere, zutiefst finstere Tradition ins taufrische Millennium fortführen.

Rund hundert Jahre ist es her, da wandte sich Christian Morgenstern, der Verfasser der Galgenlieder, mit einem geradezu flehenden Brief an einen Kritiker: "Ich habe nur eine Bitte: Sollte (was ja immerhin möglich wäre) in Ihrem Aufsatz das Wort Blödsinn oder Stumpfsinn, wenn auch noch so glänzend epithetiert, vorkommen, so ersetzen Sie es meinethalben durch Wahnwitz oder Tollheit oder dergleichen; da Sie es wahrlich begreifen werden, daß es auf Dauer nicht angeht, einen Humor, dessen vielleicht einziger Vorzug in einer gewissen Helligkeit und Schnelligkeit besteht, mit diesen zwei üblen Philister- und Bierbankausdrücken, in denen sich, wie Sie hieraus erraten, die Mehrzahl meiner ,Kritik' gefällt, abzustempeln."

Hundert Jahre später stempelt der Klappentexter des Sanssouci Verlages munter weiter ab: "Hier begegnet man Palmström von Christian Morgenstern und seinem Nasobem ... ein hochvergnügliches Kompendium geistreicher Blödeleien ..."

Und Morgenstern ist nicht der Einzige, auf den solche Philister- und Bierbankausdrücke niedersausen: "Ernst Jandl jandlt, Peter Rühmkorf frotzelt, Robert Gernhardt witzelt" - ja, auch ich bin in dem Buch vertreten, auch mir wird "Humor des Bieres" da unterstellt, wo ich glaubte oder doch zumindest hoffte, Geistesgegenwart an den Tag gelegt zu haben ...

Bleibt die Frage, ob der Lyrikwart berechtigt ist, über ein Buch zu befinden, in welchem er als Lyriker vertreten ist. Kurt Tucholsky hatte seinerzeit keine Skrupel: "T wie Tiger; darunter einige Jugendsünden, aber wir wollen sie lassen stahn." Sollten wir es nicht ebenso halten?