Der Frühling ist noch gar nicht da, aber die literarische Frühjahrssaison ist schon wieder zu Ende. Und während die letzten Schauer ohnmächtigen Eises auf die Magnolien niedergehen und die ersten Herbstprogramme der Verlage auf die Redaktionen, blicken wir verwundert zurück auf die vergangenen Sensationen der deutschen Belletristik. Sie hießen zum Beispiel Barbar Rosa und Austerlitz (dieses von W. G. Sebald, jenes von Georg Klein), und manche Kritiker waren davon derart begeistert, dass sie nicht zögerten, die beiden Autoren als die Stars der Saison zu bezeichnen.

Das heißt nicht viel. Abgesehen davon muss man zugeben, dass Klein und Sebald ihr Handwerk beherrschen. Die Frage ist, ob es genügt. An beiden kann man nämlich sehen, wohin es führt, literarische Könnerschaft mit Kunst zu verwechseln. Da werden keine Fehler gemacht. Oder aber die Fehler (Sebalds Adjektivorgien, Kleins Stilblütengestöber) sind so raffiniert, dass sie als List einer höheren Absicht gelten dürfen.

Es ist schön, dass die deutschen Dichter auf einmal wieder als Artisten der Formulierungskunst auftreten und nicht mehr, wie damals in den Sechzigern und Siebzigern, als stammelnde Sinnsucher. Es ist schön, dass sie belesen sind, denn es ist kaum denkbar, gute Literatur zu schreiben, die sich nicht auf gute Literatur bezieht. Aber wenn man zum Beispiel die immer breiter werdende Spur betrachtet, die der große Thomas Bernhard bei seinen Nachfahren erzeugt, dann begreift man auch den Unterschied. Christoph Bauer (Jetzt stillen wir unseren Hunger) oder Jörg Uwe Sauer (Das Traumpaar), die jüngsten Bernhardiner, sind Virtuosen der überbietenden Imitation, die dadurch eine neue, groteske Qualität gewinnt. Bernhard aber hat seine Sprache nicht zum Spaß erfunden, sondern um seine Not zu wenden.

Diese Notwendigkeit, das erste Merkmal von Kunst, fehlt den neuerdings gefeierten Autoren fast völlig. Man feiert sie, weil der Kenner dem Könner auf die Schliche kommen, seine Kniffe erraten, seine Anspielungen durchschauen kann. Deshalb sind diese Bücher in hohem Maß rezensierbar, und ihrer Rezensierbarkeit wegen kommen sie bei der Kritik gut weg. Wer aber vom Mond käme und sie läse, erführe zu wenig über die Welt, in der wir leben, zu wenig über den Autor, der sie, um leben zu können, schreiben musste.

Es ist gut, dass es solche Literaturliteratur gibt, sie macht Spaß und ist geeignet, die Standards des Könnens zu heben. Aber das wirkliche Können beginnt, wenn der Spaß aufhört. Im Deutschen gibt es ein seltsames Wort: Kunsthandwerk. Das soll ein bisschen mehr als Handwerk sein und ein bisschen weniger als Kunst. Weniger als Kunst aber gibt es nicht.