Kein Märchen wird je beginnen: Es war einmal ein Präsident", notierte der kolumbianische Philosoph Nicolas Gómez Dávila. Es ist, als habe Mario Vargas Llosa, der große peruanische Romancier, seinen neuen Roman Das Fest des Ziegenbocks geschrieben, um diesen Satz zu widerlegen, als wolle er beweisen, dass ein Märchen sehr wohl beginnen könne: "Es war einmal ein Präsident." Dabei ist der Präsident, von dem er erzählt, der überzeitlichen Sphäre des Märchens eigentlich weit entrückt.

Der Diktator Trujillo, der die Dominikanische Republik 30 Jahre lang beherrscht hat, wurde 1961 mit vorsichtiger Hilfe des Präsidenten Kennedy und mit Billigung der katholischen Kirche von einem Verschwörerkreis aus seiner Umgebung getötet; er ist eine Figur der Zeitgeschichte. Allerdings eine farbige, um das wenigste zu sagen. Die Insel Haiti ist immer schon ein Zerrspiegel europäischer Staatsideen gewesen, seitdem schwarze Sklaven dort eine revolutionäre Schreckensherrschaft und ein bonapartistisches Kaisertum errichtet hatten.

Auch Trujillo war ein Gewaltherrscher des republikanischen Phänotyps. Er war von den Massen vergöttert und von allen feierlichen Institutionen getragen und umgeben, die einen ordentlichen Staat ausmachen: Justiz, Militär, gesetzgebende Körperschaften. Er war stets grausam, aber lange so erfolgreich, dass die Vereinigten Staaten in ihm einen soliden Verbündeten sahen.

Glaubt man Vargas Llosa, so brach die Wirtschaft des Landes erst zusammen, als Kennedy den Verbündeten fallen ließ. Und so ist denn der gestürzte und getötete Tyrann auch keineswegs der öffentlichen Ächtung anheim gefallen. Urlauber in der Dominikanischen Republik, die sich aus ihren blütenduftenden Hotelghettos ins unsichere Landesinnere fahren lassen, sehen in Amtsgebäuden und Schulen immer noch Trujillo-Porträts in einer Reihe mit Kolumbus und Simón Bolívar. Dies alles klingt nicht nach Märchenstoff, sondern nach schmutzigem Hell- und Dunkelgrau der realen Politik.

Wie es bei einem zeitgeschichtlichen Gegenstand nahe liegt, hat Vargas Llosa die Umstände, die zum Tod des scheusäligen Trujillo führten, genau recherchiert. Der Leser wird diesem Kenner der lateinamerikanischen politischen Geschichte gern abnehmen, dass er seine Fantasie am kurzen Zügel führte, als er sich an die Schilderung dieser exotischen Hölle machte. Gott habe die Maharadschas erfunden, um der Welt ein Schauspiel zu geben, schrieb Rudyard Kipling, und etwas Ähnliches könnte man über die Diktatoren der Karibik sagen: In einer Welt, deren politische Prozesse immer unanschaulicher werden, stellen sich in den verkommenen kleinen Ländern unter Palmen noch einmal die grotesken Schurkengestalten dar, die das Begreifen der historischen Bewegungen so einfach machen.

Wenn ein Mann wie Trujillo zu irgendetwas gut war, dann zu einem Roman, so könnte der Betrachter der dominikanischen Verhältnisse resümieren. Operettenkitsch, Höflingsservilität, sexuelle Brutalität, tropische Hitze, taillierte Uniformen, romanische Familienverfilzung und hinter allem die unablässige Drohung von Folter und Mord, das sind die Bestandteile eines für den Schriftsteller verführerischen, allzu verführerischen Szenarios. Unwiderstehlich ist der Reiz eines kleinen bösartigen Inselstaates, viele Autoren haben solche Staaten zusammenfantasiert, aber in Trujillos Dominikanischer Republik musste nichts erfunden werden, hier waren die erregenden Gewürze frei zu ernten. Wie kommt es, dass dennoch der Hauch des Märchenhaften Das Fest des Ziegenbocks durchzieht?

Das Märchen unterscheidet sich von der realistischen Erzählung nicht durch die Wahrscheinlichkeit oder das Wunderbare der Vorgänge, sondern durch den Blick, den der Erzähler auf sie wirft. Die Kunst Vargas Llosas verbirgt lange, in raffiniertem Wechsel aus Andeutung und Verschleierung, wer Trujillo, der Pater Patriae, wirklich ist, bis es dem Leser dann selbst durch den Kopf schießt. Der Ziegenbock, so wird Trujillo von den Verschwörern genannt, ist der Teufel. Er ist das Fleisch gewordene Urböse. Er hat die Größe und die Leere des Satans. Als vampirischer Dämon saugt er jeden Menschen aus, auf den sein Auge fällt. Er kennt die Herzen. Seine Moral ist der Schrecken. Als Fürst der Welt siegt er so lange, bis die Engel die aus den Körpern der Gefolterten entweichenden Seelen abholen. Und natürlich ist der Dämon unsterblich. Als Erschossener hört er nicht auf zu herrschen, die Teufelei rast sich nun erst richtig aus.