Wer in diesen Tagen zur Musiktauschbörse Napster surft, traut seinen Augen nicht: Den Titel Ear Roddica von "M'donna" kann man sich da laden, Rock von der Gruppe "Tallica", Evergreens von den "btles" oder Popsongs von "Brittany Spears". Doch die Napster-Fans leiden nicht unter Orthografieschwäche. Sie wissen genau, wie man das Lied Erotica von Madonna, die Rockgruppe Metallica, die Beatles oder die Sängerin Britney Spears richtig buchstabiert. Die Verballhornungen sind Reaktionen auf die gerichtlich verfügte Sperre von 135 000 Musiktiteln, die der Verband der amerikanischen Plattenindustrie (RIAA) im März gegen Napster erwirkt hat. Fast alle Titel und Künstler, die auf der RIAA-Liste stehen, sind bei Napster nun nicht mehr abrufbar. Aber was kann die Tauschbörse dafür, wenn ihre Mitglieder Schwierigkeiten haben, die Namen der Interpreten richtig zu schreiben?

Noch funktioniert der Trick. Aber vielleicht nicht mehr lange. Denn Napster kündigte vergangenen Freitag an, in nächster Zeit technisch aufzurüsten: Die Audio-Identifizierungssoftware TRM soll den Austausch von Copyright-geschützten Titeln verhindern. TRM, eine Entwicklung der amerikanischen Firma Relatable, extrahiert aus einem Musikstück einen so genannten Fingerprint: eine digitale Kennung, die die akustischen Eigenschaften der ersten 30 Sekunden eines Songs enthält. Mithilfe einer Vergleichsdatei kann das Programm bestimmen, ob es sich um ein urheberrechtlich geschütztes Stück handelt und gegebenenfalls den Download des Songs blockieren. Allerdings funktioniert TRM nicht im aktuellen Napster-System - es muss eine neue Software programmiert werden.

Doch es ginge auch ohne Napster-Umbau. Zwei deutsche Entwicklerteams haben Audio-Identifizierungsprogramme entwickelt, die den Musikklau im Internet flächendeckend unterbinden könnten. Audio ID nennt das Fraunhofer Institut für integrierte Schaltungen sein Produkt. Es ist seit einigen Monaten fertig und bereits patentiert, erzählt Gerald Moser, Mitarbeiter des Fraunhofer-Audio-Teams. Allerdings müsse "die Software noch optimiert werden". Die Größe des Index, der Vergleichsdatei, sei noch "in der Mache". Bislang, sagt Moser, lagerten dort etwa 15 000 Poptitel. Identifizieren könne Audio ID MP3-Files - das ist das Napster-Sound-Format - genauso gut wie andere Formate. Für die Entwicklung habe man auch bereits Kunden gefunden, doch wer das sei, "kann ich nicht sagen", bedauert der Experte.

Michael Clausen, Informatiker an der Universität Bonn, nennt seine Software audentify. Auch sie analysiert die digitalen Muster von Musikdateien und vergleicht sie dann mit einem Index. "Das Copyright-Problem könnte damit gelöst werden", meint der Bonner Informatiker. Denn "wie beim Einchecken im Flughafen, wo die Koffer durch ein Röntgengerät gehen", so könne audentify als Wachhund auf dem Computer eines Internet-Providers lauern und aufpassen, ob ein Nutzer vielleicht gerade unautorisierte Musikstücke herunterlädt - und gegebenenfalls die weitere Übertragung unterbinden.

Doch die Provider sind noch zurückhaltend - womöglich, um ihre Kunden nicht abzuschrecken. "Selbstverständlich haben wir ein Interesse daran, illegales Downloaden zu unterbinden", bestätigt Jens Nordlohne von AOL Deutschland. Allerdings fände AOL die Strategie, "das Ganze zu legalisieren", besser. Die Firma will demnächst unter dem Dach des neuen Portals MusicNet, an dem sie zu 20 Prozent beteiligt ist, selbst das Herunterladen von Songs anbieten - natürlich gegen Gebühr.

Denkbar wäre es auch, Audio-Identifizierungssoftware selbstständig durchs Internet ziehen zu lassen, um Urheberrechtsverletzungen aufzuspüren. Als Kunde käme die Musikindustrie infrage. Doch auch die hält sich noch zurück. Stefan Schmidt-Grell von der BMG Hamburg findet eine Audio-Identifizierungssoftware unnötig. Sein Unternehmen sei "daran interessiert, selbst Musik über das Netz zugänglich zu machen und den Download zu legalisieren". Denn auch die Bertelsmann-Firma BMG ist an MusicNet beteiligt. "Am liebsten wäre es uns, wenn Napster so weitermacht", sagt Schmidt-Grell - allerdings nicht kostenlos. Möglicherweise möchten die Musikfirmen Audio-Identifying aber nur deshalb nicht einsetzen, um im Krieg gegen Napster nicht als die bad guys dazustehen.

Andere Musikanbieter im Internet arbeiten hingegen bereits mit Software, die Songs identifizieren und überprüfen kann. Wippit, ein gebührenpflichtiges englisches Netzwerk, benutzt ein Programm des US-amerikanischen Unternehmens Cantametrix, MusicDNA genannt. Der kommerzielle Internet-Musikhändler Emusic, der wie Napster MP3-Dateien feilbietet, arbeitet schon mit TRM und ist sehr zufrieden mit der Leistung seines digitalen Wachhunds.