Von Geburt an haschte das Fernsehen nach Effekten. Einzelne Mitarbeiter haschen auch vor interessanten Effekten. Und beidem unterstellt die klassische Drogenberatung: Gruppenzwang. Wie pestwütend kam die Modedroge "Digitricks" über die Schneidetische, Anfang der Achtziger. Bis dahin sträubte sich das Filmbild jedem anderen Werkzeug als der schlichten Schere. Auf ruinös teuren "optischen Banken" konnten nur die aufwändigsten Kinoproduktionen Horizonte tauschen, Tageslicht zur fadenscheinigen "amerikanischen Nacht" abblenden und mit Masken einzelbildweise fehlende Bauten einsetzen: "Special Effects".

Fürs Magnetband mussten die Bilder in mathematische Codes zerlegt werden - und waren so fortan dem Rechner zu Willen. Da wurden Bilder geschoben, gewürfelt, geschiebekompresst: Warum soll es der Fachsprache auch besser gehen als den Bildern, die es so erwischte. Hatte man beim Dreh einen bösen Achssprung verübt, genügte der Knopfdruck "Kontern" auf der Effektbank, und alles war wieder richtig, weil falsch rum. Und wie Hungerleider, die viel zu lange den Reichen beim Schlemmen zusehen mussten, stürzten wir uns auf das kalte Büfett der ersten Tricktische.

Sergej Eisenstein hat in den Zwanzigern uhrwerkgetriebene Kameras durchs Studio schmeißen lassen: Der Meister wollte die subjektive Sicht der fliegenden Kanonenkugel in eine Kriegsszene montieren. Die Holzkisten zerdepperten beim Aufprall, das Material wurde unbrauchbar. Aber die Denke hält bis heute als konservative Lehre vor: Die Kamera sehe, was das Auge sähe, wäre es dort. Des Menschen Gesicht vermag die Schärfe zu verlagern, sich zu neigen, zu schwenken. Zu zoomen vermag es nicht, und diese übergangslose Vergrößerung, ohne dass die Kamera sich bewegte, darf als der einfachste und wohl älteste Effekt der Bildermedien gelten. Es sieht auch heute noch bescheuert aus, wenn man erst mal drauf achtet. Spart aber Fahrten, Schienen, Kamerawägelchen und Rückenschäden.

Dem Trickfieber der ersten Jahre - gemeinhin als "Videoclip-Ästhetik" geziehen - folgte technischer Fortschritt, der einerseits bessere und unmerklichere Effekte brachte, andererseits eine neokonservative Rückbesinnung auf dann aber mindestens den Panzerkreuzer Potemkin. Die verwaschenen, zerkratzten, farbstichigen Super-8-Bilder unserer Tage suggerieren besondere Glaubwürdigkeit: billiges Material, also keine Tricks, authentisches Fernsehen. Auch das tauchte zuerst in Musikclips auf. Und wenn man mal ordentlich gedrehtes Material auf modern und glaubwürdig niederquälen will: Kein Problem, für systematische Filmschäden gibt es an guten Effekttischen heutzutage eine Taste.

Friedrich Küppersbusch erklärt den ZEIT-Lesern in loser Folge wichtige Begriffe aus der TV-Welt. Der Journalist produziert unter anderem für n-tv die Talkshow "Maischberger"