Vor etwa anderthalb Jahren haben sie im Osten angefangen, Wohnungen zu keulen. Also abzureißen, vom Markt zu nehmen, weil niemand mehr darin wohnen will, ähnlich wie mit den Rindern, die keiner mehr kauft. Seitdem machen sich Journalisten von Fernsehen und Zeitungen auf den Weg in Städte wie Hoyerswerda oder Schwedt, die fast ganz aus Platten gebaut sind. Sie treffen auf verbrauchte Menschen, die als letzte in verfallenden Betonhöhlen leben und mit der Bierflasche in der Hand von der DDR erzählen. Hervorragende Hauptpersonen sind das für Geschichten über leer laufende Stadtviertel, aus denen wegzieht, wer es sich irgendwie leisten kann. Es sind Geschichten, die der Westen über den Osten schreibt und die scheinbar gut zu der Tatsache passen, dass die neuen Länder seit drei Jahren eine zunehmende Zahl von Menschen an die alten Länder verlieren.

Im Osten stehen eine Million Wohnungen leer. Es ist also nicht so, dass die Geschichten von den Geisterhäusern nicht stimmen. Im Gegenteil, sagt die Schwedter Baudezernentin Barbara Rückert. Nur solle der Westen nicht glauben, dass es sich dabei um ein reines Ostproblem handle.

Die vermeintlich verlorenen Landstriche sind die gesamtdeutsche Avantgarde, jedenfalls auf dem Wohnungsmarkt. Bisher sollte dieser Markt die Wohnungsnot lindern. In Zukunft wird es überall in Deutschland darum gehen, mit Überschuss fertig zu werden. Denn der hat weniger mit ostdeutschen Spezifika wie den öden Plattenbauten oder der Abwanderung in den Westen zu tun als mit bundesweiten Trends. Der Drang zum Eigenheim im Grünen dünnt die Innenstädte aus. Früher füllten junge Haushaltsgründer und Einwanderer die Lücken. Heute sinken die Bevölkerungszahlen im ganzen Land, und Einwanderer sind nicht mehr gern gesehen. "Spätestens ab 2015 kriegen wir Leerstände im großen Stil auch im Westen", sagt Harald Simons vom Berliner Forschungsinstitut Empirica, das in den vergangenen Jahren den Wohnungsmarkt in Deutschland mehrfach untersucht hat.

Boomstädte wie München mit hohen Zuzugsraten wird es als Letzte treffen, strukturschwache Gegenden wie Ostfriesland als Erste. In Bremerhaven stehen schon heute 2300 Wohnungen leer, schätzt Christian Bruns, Geschäftsführer der dortigen Wohnungsgesellschaft. In anderen Städten der Region sei das nicht anders. "Kein Wunder, die Gemeinden im Umland weisen überall Baugebiet für Einfamilienhäuser aus." Die Kaltmieten in Bremerhaven liegen nur noch bei sieben bis neun Mark pro Quadratmeter. Klingt nach einer rosigen Zukunft für Mieter, aber das täuscht. "Niemand wohnt gerne in einer Gegend, in der jede dritte Wohnung leer steht", sagt der Direktor des Deutschen Mieterbundes, Franz-Georg Rips, mit Blick auf manches ostdeutsche Stadtviertel. Weil dies womöglich bald auch westdeutsche Wirklichkeit ist, sieht Rips den Osten als gesamtdeutsches Pilotprojekt für den Wohnungsmarkt der Zukunft.

Vorreiter sein - in Schwedt sind sie das gewohnt. Nicht nur, weil sie zu den Ersten gehörten, die das Tabu brachen und aus Wohnhäusern Steinmehl machten, nein, etwas Besonderes waren sie schon früher. 5000 Menschen lebten in dem bisschen Stadt, dass Schwedt noch Anfang der fünfziger Jahre war. Bis irgendein Parteitag beschloss: Nach Schwedt kommt Großindustrie. Der Stammbetrieb des Petrochemischen Kombinats und eine Papierfabrik.

Aus der ganzen DDR zogen junge Leute an die Oder. Elektroingenieure, Bauingenieure, Chemiker, Bürokräfte. Wer etwas werden wollte, ging nach Schwedt, in die Modellstadt des Sozialismus. 1975 lag die Einwohnerzahl bei 50000. "Überall sah man junge Frauen mit Kinderwagen", erinnert sich Peter Schauer, der vor 35 Jahren aus Dresden in den Nordosten der DDR zog. Inzwischen ist er SPD-Mitglied und Bürgermeister, 748 Wohnungen ließ er bisher abreißen, Bild nannte ihn den "Plattmacher von Schwedt". Die zermahlenen Häuser liegen unter dem Asphalt einer neuen Landstraße. Es gab auch den Vorschlag, die Platten im Ganzen nach Bosnien zu transportieren, als Aufbauhilfe. Aber das sei technisch nicht machbar gewesen, sagt Schauer.

Heute gehört die Schwedter Raffinerie mehreren Energie- und Mineralölkonzernen. Schon zu DDR-Zeiten ist sie ganz gut gelaufen, trotzdem klingt der ostdeutsche Dreisatz hier wie bei den meisten anderen ehemals staatseigenen Unternehmen: 8000, Mauerfall, 1500 - die Zahl der Arbeitsplätze vor und nach der Wende. Immerhin sind aus Teilen des Großbetriebes neue Dienstleistungsfirmen entstanden.