Die "Frankfurter Rundschau" schreibt heute auf Seite Eins "Linke stellen sich gegen Neonazis". Auch die "tageszeitung" hat das Thema auf der ersten Seite, schreibt aber "Steinhagel für Demoverbot". Der "Tagesspiegel" atmet auf: "Keine Gewalt bei NPD Aufmarsch". Dies galt allerdings nur bis gestern Abend. In der Nacht kam es dann doch zu schweren Auseinandersetzungen in Berlin-Kreuzberg. Die "Welt" schreibt: "Krawalle überschatten Kanzler-Umzug." Die "Bild" hat nicht die Chaoten, dafür eine brennende Achterbahn auf dem Titel. Die "Süddeutsche Zeitung" beschäftigt sich mit der DGB Kundgebung zum 1. Mai und hat als Schlagzeile die Forderung: "DGB: Gewinne in Arbeitsplätze investieren." Ganz Europa verschrieben hat sich heute die "Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Zustimmung in Deutschland. Geteilte Meinung in der Europäischen Union", schreibt das Blatt über Schröders Europa-Papier.

Krawalle in der CDU

Es sind ja gar nicht Millionen, die fortwährend auftauchen und die einen verwundern. Es ist dann doch immer noch die Art und Weise, wie die CDU und deren Vorsitzende Angela Merkel mit den auftauchenden und verschwindenden Millionen umgehen. Schlecht, so befindet die "Süddeutsche Zeitung" in einem Kommentar. "Das Management des Millionen-Transfers war nach dem Missgriff beim Rentenplakat und der Wahl ihres ersten Generalsekretärs die größte Fehlentscheidung der Vorsitzenden. Selbst wenn die Kritiker aus den eigenen Reihen jetzt Disziplin wahren und aus Parteiräson eine neue Personaldebatte vermeiden - das zuletzt sanft gewachsene Vertrauen in die Führungskraft der Chefin macht neuer Skepsis Platz." Und während die CDU-Chefin in ihrer Argumentation schwimmt, bleibt einer ganz still: Edmund Stoiber, Ministerpräsident aus Bayern, hält sich aus dem Hickhack raus. Ordnung soll alleine Frau Merkel machen, wie die "Frankfurter Rundschau" feststellt. "Und vielleicht ist der aktuellste Befund auch der bitterste - dass die CDU-Chefin, die ihren rasanten Aufstieg in der Partei letztlich nur ihrem beherzten Vorstoß gegen Altkanzler Helmut Kohl vor anderthalb Jahren zu verdanken hat, nun, müde geworden und mürbe gemacht, just in jene Vertuschungsrituale verfällt, mit denen gerade sie doch Schluss machen wollte. Angela Merkel hat das Fressen der Moral vorgezogen. Sie hat den Zeitpunkt grandios verpasst, die merkwürdigen Transaktionsgelüste des früheren CDU-Schatzmeisters Kiep öffentlich zu machen." Die "Welt", tut sich schwer mit der Bewertung der Affäre um die Kiep-Millionen. In einem langen Kommentar versucht der Autor Johann Michael Möller die Vorteile der Merkelschen Schwimmübungen darzustellen: "Insofern könnten die Angriffe von außen auch zu einem Solidarisierungseffekt führen, der Angela Merkel vor ihren innerparteilichen Gegnern schützt. Dann wäre auch ihr eigenes Kalkül aufgegangen, ihre strukturelle, machtpolitische Stärke voll und ganz gegen ihre inhaltliche Schwäche auszuspielen - allerdings um einen hohen Preis." Und genau da setzt auch die Kritik des Kanzlers an, der der Opposition vorwirft, ihre Arbeit nicht mehr machen zu können, sollten die Affären noch weiter andauern. Es fehle die starke Person, die der CDU Profil verleihe, findet sogar die "Welt": "Eine Partei muss wissen, was sie will, bevor sie wieder regierungsfähig wird. Und dieser Anspruch hat sich erkennbar mit der Führungsfigur zu verbinden."

Krawalle in der Stadt

In Hamburgs berüchtigtem Schanzenviertel, in dem sich Autonome und Staat mit schöner Regelmäßigkeit heftige Straßenschlachten geliefert haben, bereitete man sich auf alles mögliche vor: Wasserwerfer waren da, die Feuerwehr, und Hundertschaften der Polizei schauten nervös durch die Gegend. Es kamen dann immerhin 80 Betrunkene, die ein paar Steine warfen. Ganz anders in der Hauptstadt des Landes, Berlin, in der alles ein bisschen größer ist, auch das Polizeiaufgebot. Die "Frankfurter Rundschau" empört sich vor allem über den in letzter Sekunde genehmigten Aufmarsch einiger Neonazis in Berlin: "Wird dieser 1. Mai 2001 als jener Tag in die Geschichte des wiedervereinigten Deutschlands eingehen, an dem es der NPD und anderen rechtsextremistischen Gruppen gelang, den Staat rauszufordern und sich - unter Berufung auf das Grundrecht der Demonstrationsfreiheit - als quasi ‚normaler' Bestandteil des politischen Meinungsbildungsprozesses in diesem Land zu etablieren?" Die "Welt" bricht eine Lanze für Berlin: "Natürlich wagen in der Hauptstadt des Wollens auch Extremisten in Krawallnächten ihre Idiotien. Aber Berlin muss das mit der Souveränität einer Metropole ertragen. Gerade weil die Ausnahme der Chaoten die Regel der Friedfertigen bestätigt, ist das Beruhigende an der Berliner Republik ihre innere Normalität, ihre letztliche Harmlosigkeit und die Erkenntnis, dass Größe politisch neutral ist."

Keine Krawalle in Europa

Bundeskanzler Schröder macht sich nicht nur Gedanken über die Oppositionsfähigkeit der CDU, sondern auch über das sich im Bau befindliche Haus Europa. In einem Papier hat er seine Gedanken formuliert. Gute Ideen, aber schlechter Zeitpunkt, meint die "Süddeutsche Zeitung". Die Vorschläge sind richtig, die Ideen sind klug - aber es war weniger klug, dass sich der Regierungschef des mächtigsten EU-Mitglieds so eindeutig festlegt bei der wichtigsten politischen Debatte in der Europapolitik überhaupt. Schröder hätte abwarten und mit Hilfe des reformfreudigen EU-Ratspräsidenten Belgien im zweiten Halbjahr die Ideen testen können. So aber zwingt er die Mitglieder zu einem unnötig frühen Zeitpunkt zu einer Festlegung. Und im Lande heizt er eine Diskussion an, auf die wenige vorbereitet sind." Die "Welt" bewertet die Zeilen des Kanzlers so: "Der nun vorgelegte Plan einer Kommissionsregierung samt Staatenkammer anstelle des Ministerrats und Haushaltshoheit für das Europäische Parlament wurde in Paris, London, Wien, Stockholm und Kopenhagen jedoch denkbar kühl aufgenommen: 'zu früh', 'bombastisch', 'Superstaat'." Und außerdem, so die "Welt": "Als Regierungschef wird [Schröder] das Resultat nicht mehr erleben." Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ist ob des Kanzlers Mut angetan: "Doch Schröder hat nur den ersten Eröffnungszug in einem langen Spiel getan. Angesichts der bekannten Defizite [...] war das ein mutiger Zug. Jetzt kommt es auf die richtige Strategie an."