Moskau

Den Plan zur Machtergreifung hätte der Regisseur der Revolution, Lew Trotzkij, schreiben können. Sechzig Wachmänner warteten tagelang im 13. Stock des Fernsehgebäudes, fünf Etagen über dem privaten Sender NTW. Sie observierten die Demonstranten auf dem Vorplatz, hörten die Redakteure ab. In der Nacht auf den Ostersamstag kam der Einsatzbefehl aus der Konzernzentrale von Gasprom. Um vier Uhr früh überwältigten sie den Wachdienst von NTW und bezogen Stellung im achten Stock. Die Festung der Widerspenstigen war gefallen. Zähmen ließen sich die NTW-Redakteure nicht, die meisten verließen den Sender. Am Sonntag lief auf NTW anstelle seines populärsten politischen Magazins eine französische Komödie. Die neuen Programmdirektoren von Kremls Gnaden präsentierten Spaßmacher Louis de Funès als Nachfolger des bissigen Starmoderators Jewgenij Kisseljow. Gelacht hat niemand.

In der Nacht von Montag auf Dienstag voriger Woche folgte der nächste Schlag. Ein kremltreuer Manager schloss die unabhängige Zeitung Segodnja und sperrte die Redaktion des Nachrichtenmagazins Itogi aus. Das Wochenmagazin, das für seinen Verleger schönen Profit abwirft, wird bleiben, aber mit neuen Köpfen, neuer Geschmeidigkeit, neuem Schleiflack. Wer nicht mehr gebraucht wird, sind die widerborstigen alten Redakteure. Mag ihr öffentliches Ansehen noch so hoch sein, ihr Leumund in Regierungskreisen ist schlecht. Der russische Präsident und seine Minister lassen wissen, die Probleme der russischen Medien hätten "rein wirtschaftlichen" Charakter. Es darf gelacht werden.

Die Brachialmethoden der neuen Eigentümer von NTW und Itogi zeigen, wie schwierig es ist, unliebsame Stimmen zu ersticken und den schönen Schein der Pressefreiheit zu erhalten. Mediendämmerung in Russland: Im Zwielicht verwischen die Fronten, die Verantwortung und die Fakten. Der russische Staat verteidigt neuerdings mit aller Vehemenz die Rechte von Eigentümern und Gläubigern, vor allem bei privaten Medien: "Schulden müssen pünktlich bezahlt werden." Dieser Satz verkauft sich gut im Westen. Bundeskanzler Schröder schluckte den Vers bereitwillig, als Präsident Putin ihn zwischen zwei Champagnertoasts auf dem Gipfel in St. Petersburg servierte. Ungehört blieben die Alarmrufe russischer Journalisten und Demonstranten: "Das erste und höchste Gut des postsowjetischen Russland, die Meinungsfreiheit, wird systematisch zerstört." - "Alles Hysterie!", geben die Mächtigen zurück. Wer hat Recht?

Die Verwirrung liegt im System. In Russland sind Meinungsfreiheit und Finanzprobleme ineinander verschlungen. Viele Zeitungen, Fernsehanstalten, Radiostationen gehören seit ihrer Mündigsprechung durch Michail Gorbatschow ehrgeizigen Politunternehmern, Kreml-Satelliten und natürlich dem Staat. Das finanzielle Fundament der "Vierten Gewalt" in Russland war stets schwach. Darin lag die Stärke von Unternehmern und Politikern. Ihr Geld ermöglichte oder begrenzte die Meinungsfreiheit. Und dennoch: Unter Jelzin, dem Verwalter erstarrter Reformen, blühte die Vielfalt russischer Medien. Unter Putin, dem Ankündiger staunenswerter Modernisierung, verwelken die bunt schillernden Meinungen zu blassem Grau. Warum?

Die Revolution liegt weit zurück. Vor 14 Jahren ermöglichte Michail Gorbatschow seinen Bürgern den Ausbruch aus dem staatlich verordneten Druckschwarz namens Wahrheit (prawda). Was er entfesselte, hatte er selbst nicht geahnt. Lenins geheiligtes Dogma von der Zeitung als "kollektivem Propagandisten, Agitator und Organisator" brach zusammen. Plötzlich erinnerten Individuen aus eigenem Antrieb an den Terror der Stalin-Zeit, Gorbatschow selbst zeigte auf die "weißen Flecken" der Geschichte. Ketzerische Historiker fragten schnell, ob nicht Lenin an allem schuld sei, während Gorbatschow noch das Gute an Wladimir Iljitsch über den Zeitenbruch retten wollte. Leserbriefe in Zeitschriften wie Ogonjok und Moskowskije Nowosti erschütterten das Parteimonopol auf die einzig wahre Meinung. Die Freiheit wurde Stück für Stück erkämpft. 1991 versuchten die Putschisten gegen Gorbatschow, einen Betonsarkophag über die Meinungsfreiheit zu gießen. Sie scheiterten auch deshalb, weil Glasnost das Land schon zu stark umgegraben hatte: Das revolutionäre Pressegesetz vom August 1990 hatte Privatpersonen erstmals erlaubt, Zeitungen herauszugeben. Die staatliche Zensur war aufgehoben.

Unter Boris Jelzin setzte sich das kunterbunte Schreiben und Senden der Gründerzeit fort. Redaktionen privatisierten ihre eigenen Zeitungen. Schrille Gazetten entstanden über Nacht und starben wenige Tage später einen stillen Tod. Deshalb unterstützte das Ministerium für Presse und Information viele Zeitungen bis in die neunziger Jahre hinein. Im ersten Tschetschenien-Krieg wuchsen Journalisten zu Helden und Märtyrern. Als die Kraft-durch-Feuer-Kamarilla um Boris Jelzin tschetschenische Dörfer rasieren ließ, verbreiteten Journalisten von NTW und unabhängigen Zeitungen die Bilder und Hilferufe unter Lebensgefahr. Die Empörung brodelte. Staat und Armee spürten zum ersten Mal, was die Vierte Gewalt vermag.