"Fußball!", ruft er, "spielen heute Abend auch Moskauer Klubs?" Der Sportredakteur referiert knapp: "Nein." Wenediktow winkt ab. "Dann lieber Hockey als Aufmacher, da sind unsere ganz vorn dabei!" Aus der vibrierenden Hand des Chefs rutscht der Kugelschreiber auf den Boden. Halb unter den Tisch gebeugt, röhrt Wenediktow: "Der jugoslawische Premier kommt in die Stadt!" und zeigt mit dem gebändigten Stift auf eine Redakteurin. "Ira! Die Themen im Interview: Serbiens Schulden, Kosovo, Milocevic!" Zufrieden klemmt der Kapitän den Hosenträger wieder an der Cordhose fest. "Dann lasst uns mal ranklotzen!"

Die Sendelizenz stammt noch von Gorbatschow

Volle Kraft voraus. Heute werden wieder 500 000 Zuhörer Echo Moskau einschalten, dazu kommen vier Millionen in Russlands Provinzen. Der Privatsender gehört zu Moskaus beliebtesten Radiostationen, ein Kunststück, weil Echo mit harten Informationen handelt statt mit weich gespülten Musikkonserven. Echo Moskau ist ein Glasnost-Produkt. Als Michail Gorbatschow und der Oberste Sowjet 1990 nicht-staatliche Medien zuließen, gründete eine Gruppe von Journalisten das Radio. Auf die Sendelizenz Nummer eins sind sie heute noch stolz. Der 45-jährige Alexej Wenediktow war von Anfang an dabei. 1998 wählte die Redaktion den Vollbärtigen zum Chefredakteur. "Mit 86 Prozent, fast wie bei Kim Il Sung", witzelt er. "Mancher Diktator darf mich beneiden."

Wenediktow rechnet es sich als seinen größten Erfolg an, dass Echo schwarze Zahlen schreibt. Der Werbemarkt ist zwar klein nach westlichem Maßstab, doch russische Unternehmen surfen mit ihrer Reklame gern auf der Informationswelle. Hier erreichen sie Moskaus konsumwütige Schichten, Neureiche, Mittelständler, aber auch die Käufer von Tütensuppen und Kastenbrot. Der Sender ist in seiner Nische zwischen Britney-Spears-Programmen, russischen Heulbojenfunkern und dem offiziellen Radio Russland konkurrenzlos. Bisher haben auch staatliche Medientechnologen das Echo nicht einzudämmen versucht.

Insofern scheint das Schiff fest auf Kurs zu sein, doch am Horizont brauen sich Wolken zusammen. Der Hauptaktionär von Echo Moskau, der im spanischen Zwangsexil lebende Wladimir Gussinskij, ist wegen anderer Medienaktivitäten hoch verschuldet. Gerade haben die spanischen Behörden das Auslieferungsgesuch der Moskauer Staatsanwaltschaft abgeschmettert. Die Nachricht verbreitet sich mit Lichtgeschwindigkeit in der Redaktion. Wenediktow wählt mit einem Tastendruck zu Gussinski durch. "Na, du Gauner!", frotzelt er. "Bist du zufrieden?" - "Nein", brummt der Tycoon aus Spanien. Denn wenn er nicht bald Geld auftreibt und seine Schulden auslöst, verliert er seine sämtlichen Medienbeteiligungen in Russland. Auch Echo Moskau.

Vom fernen Donnergrollen bemerkt die Redaktion im Bauch des Schiffes noch wenig. Auf dem Neuen Arbat arbeitet sie in einem Sechziger-Jahre-Hochhaus, das seinen spitzen Bug zwischen die Dächer der Moskauer Altstadt schiebt. Auf dem Oberdeck im 21. Stock sitzen die Techniker, auf dem Unterdeck, ein paar Stockwerke tiefer, die Redakteure. Die Stadt, die Ereignisse, die Hörer, die Prominenten liegen ihnen zu Füßen. Vor Wenediktows zwölf Quadratmeter kleiner Kapitänskajüte hängt eine große Schiffsglocke. Er läutet selten, lacht eine Mitarbeiterin, nur dann, wenn ihm vor kreativer Erregung die Pferde durchgehen. Im eigenen Büro macht Wenediktow sich rar. Gewöhnlich wieselt er über den langen Korridor, um hinter einer der vielen braunen Türen zu verschwinden, zu einem Redakteur oder ins Studio.

Echo Moskau hat einen Vorzeigesendesaal mit Schauwand für Prominente und ein kleines Arbeitsstudio, in dem das eigentliche Echo entsteht. Auf engem Raum drängen sich der Moderator und seine Gäste. Zur halben und vollen Stunde klemmt sich noch die Nachrichtensprecherin dazu. "'tschuldigung!" Der Studiogast rückt etwas nach rechts, sie breitet ihre Zettel zwischen den Kaffeebechern auf dem Tisch aus. Der altersschwache Holzstuhl quietscht aus Protest, von draußen weht durch das halb offene Fenster der Moskauer Stadtlärm hinein. Das ist die "Atmo", ohne die der Sender nicht das Echo Moskaus wäre. Wird sie doch mal zu laut, fährt ein wirbelnder Jingle darüber, einer von denen, die in den Supermärkten und Kramläden der Hauptstadt widerhallen. Moskau hört sein Echo, weil es sich selbst gern hört.