Seit Jahren sorgt der Hamburger Rechtsphilosoph und Strafrechtslehrer Reinhard Merkel mit seinen Beiträgen zum Umgang mit schwer leidenden, todgeweihten Menschen für Aufsehen. Das geltende Recht, stellt er fest, hinke dem Fortschritt der Intensivmedizin, die heute auch schwerstgeschädigte Neugeborene am Leben erhalten kann, weit hinterher. "Widersprüche und klaffende Begründungslücken" legt Merkel nun in seiner Habilitationsschrift offen und sucht, ungeachtet des "prohibitiven Tabus", das mit Blick auf die deutsche Vergangenheit eine unbefangene Auseinandersetzung mit der so genannten Früheuthanasie hierzulande nach wie vor belastet und lähmt, nach rechtsethischen und strafrechtlichen Direktiven für die Entscheidungen der Ärzte.

In der Auseinandersetzung mit zehn ausgewählten Einzelfällen führt er den Leser bedrückend sachlich in die Grenzbereiche der Neonatalmedizin. Extreme Frühgeburten und Syndrome wie Trisonomie führen allein in deutschen Kinderkliniken jährlich zu weit über 1000 Todesfällen durch Nichtbehandlung. Die "seelische und emotionale Verstörung", die den medizinischen Laien beim Anblick dieser Extremfälle überkommt, hat auch den Autor nicht unberührt gelassen.

Wenn Lebensrecht zur Lebenspflicht wird

Orientiert an der Maxime, "das Beste" für die Neugeborenen zu tun, nimmt Merkel den Leser bei der Hand und entführt ihn aus der Klinik quer durch das Recht in die Moralphilosophie. Dort legt er sein ethisches Fundament, denn "eine normative Autarkie des Rechts, gänzlich unabhängig von der Ethik, ist eine Illusion".

Im Mittelpunkt der Argumentation steht das Recht auf Leben, dessen Schutz für jeden Menschen bedingungslos und unabhängig von seinem Zustand gilt. Doch wie weit reicht dieses Recht? Auf der Suche nach praktischen Lösungen, überprüft Merkel den theoretischen Ansatz stets am konkreten Fall und führt unschlüssige Argumente ad absurdum. Immer wieder richtet er den Blick auf seinen Beispielfall des Autofahrers, der, nach einem Unfall ausweglos eingeklemmt, qualvoll im Wagen zu verbrennen droht. Als alle Löschversuche scheitern und der Fahrer von den Flammen erfasst wird, zieht ein Passant seine Pistole und erschießt den Leidenden.

Strafbare Tötung oder gerechtfertigte Erlösung? "Interessenabwägung", antwortet Merkel und bricht also mit dem herrschenden Grundsatz, menschliches Leben könne niemals Gegenstand zulässiger rechtlicher Abwägung sein. Wer das Verbot der "erlösenden" Tötung auf das absolute Lebensrecht des Verbrennenden stützt, richte es gegen den, zu dessen Nutzen es besteht; das Lebensrecht würde zur Lebenspflicht! Allzu oft würde der "Schutz des Rechts auf Leben" mit dem "Schutz des bloßen biologischen Überlebens" verwechselt.

Jenseits des Juristischen definiert Merkel ein moralisches Recht auf Leben mit der Fähigkeit, "Lebensinteressen innezuhaben". Durch eine Art "Anwartschaftsrecht" auf zukünftige Interessen fallen darunter auch Neugeborene und bereits Föten im späteren Schwangerschaftsstadium.