Die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe in den Niederlanden hat bei uns heftige Abwehrreaktionen ausgelöst. Justizministerin Herta Däubler-Gmelin versicherte im Namen der Bundesregierung, eine solche Regelung sei in Deutschland "undenkbar". Die Kirchen warnten, "das abendländische Menschenbild" erfahre "dadurch einen gefährlichen Wandel". In Zeitungskommentaren war immer wieder von einem moralischen "Dammbruch", gar von einem "Kulturbruch" die Rede.

Welche Assoziation mit einer solchen Metaphorik hervorgerufen werden soll, ist klar: "Kulturbruch" klingt wie "Zivilisationsbruch", und dieser Begriff steht seit einigen Jahren synonym für die nationalsozialistische Vernichtungspraxis. Im alarmistischen Gestus der Losung "Wehret den Anfängen" beschwören die Kritiker tatsächliche oder vermeintliche Missbrauchsmöglichkeiten der aktiven Sterbehilfe - bis der Eindruck entsteht, die Erleichterung solchen Missbrauchs sei die eigentliche, verborgene Stoßrichtung der holländischen Gesetzgebung. So schrieb FAZ-Kommentator Georg Paul Hefty, die Niederlande seien "noch" weit davon entfernt, "die Sterbehilfe zu einem anderen Zweck zu aktivieren als zu dem der Leidensverkürzung" - beispielsweise zum Zweck der Senkung von Kosten in der Krankenpflege. In seinem Schreckensszenario scheint eine solche Herabwürdigung des Werts eines Menschenlebens zur bloßen Recheneinheit nur eine Frage der Zeit zu sein. Die Selbstgerechtigkeit, mit der deutsche Ethikwächter - in projektiver Vergegenwärtigung der eigenen Geschichte - einer tief in demokratischen Freiheitstraditionen verankerten Nation wie den Niederlanden vorhalten, sie liefere sich blind der latenten Willkür eines menschenverachtenden Prinzips aus, ist befremdlich. Der Verdacht fußt sogar auf der expliziten Unterstellung, mit der Zulassung aktiver Sterbehilfe sei das Tötungsverbot außer Kraft gesetzt worden, das die erste Grundlage nicht nur der jüdischen und christlichen Ethik, sondern des moralischen Selbstverständnisses einer zivilisierten Gesellschaft schlechthin bildet. Suggeriert wird dadurch, bei dem niederländischen Gesetz handele es sich um eine staatliche Einschränkung des individuellen Lebensrechts - in ihren potenziellen Auswirkungen vergleichbar mit der nationalsozialistischen Euthanasiegesetzgebung.

Das aber stellt den tatsächlichen Sachverhalt auf den Kopf. Denn die niederländische Regelung zielt im Gegenteil auf die Erweiterung des individuellen Selbstbestimmungsrechts über das eigene Leben - was eben auch das Recht einschließen soll, es zu beenden, wenn seine Fortsetzung nicht mehr erträgliches Leiden einschließt. Dieses Recht auf Bewahrung eines Rests an individueller Entscheidungsfreiheit auch angesichts einer grausamen, unbesiegbaren Krankheit wird aber durch ein öffentlich überprüfbares Regelwerk von checks und balances gegen den Anspruch der Gesellschaft an den Gesetzgeber abgewogen, das Lebensrecht jedes Einzelnen wirksam vor unbefugter Fremdeinwirkung zu schützen.

Ob das holländische Gesetz diesen komplizierten Anforderungen hinlänglich gerecht wird, muss selbstverständlich kritisch beleuchtet werden. Bei der hoch ideologisierten Debatte in Deutschland geht es jedoch offenbar um mehr.

Eine Fronde kategorischer "Lebensschützer" nutzt die Auseinandersetzungen über Bioethik, die sich gegenwärtig nicht nur am Problem der Sterbehilfe, sondern auch an neuen Fragen wie der Zulässigkeit von genetischer Präimplantationsdiagnostik und therapeutischem Klonen von Embryonen entzünden, zu dem Versuch einer Resakralisierung der Debatte über moralische Grundwerte. Dabei wird suggeriert, jedes Abweichen von einem für die westliche Kultur vermeintlich verbindlichen, ominösen "christlichen Menschenbild" führe zwangsläufig zu einem destruktiven Werterelativismus und sei überdies gleichbedeutend mit einer Unterminierung der Menschenrechte.

Doch die Werte "des Abendlands" sind keineswegs identisch mit den Lehren der christlichen Kirchen, und liberale Demokratien sind keine christlichen, sondern säkulare, pluralistische Gebilde. Ihre Gesetzgebung leitet sich nicht aus festgeschriebenen religiösen Überzeugungen ab, sondern hat unterschiedliche, oftmals miteinander unvereinbare Auslegungen von Grundwerten und elementaren Rechtsgütern in einen verträglichen Ausgleich zu bringen. Keine gesetzliche Regelung kann freilich fehlerhafte oder missbräuchliche Anwendungen völlig ausschließen. So kann es, wie die Kritiker zutreffend einwenden, bei der aktiven Sterbehilfe auch zu manipulativer Einflussnahme auf den Willen eines Kranken kommen. Doch derartige Missstände gab und gibt es in der Grauzone zwischen passiver und aktiver Sterbehilfe auch heute schon. Die niederländische Gesetzgebung zielt nun gerade darauf, die Sterbehilfe transparenter und kontrollierbarer zu machen.

Ebenso wenig wie die Gesetzgebung in solch sensiblen, dilemmatischen Fragen wie Lebensschutz und Sterbehilfe ist das moderne Verständnis von Menschenrechten umstandslos aus den Morallehren der christlichen Konfessionen abzuleiten - auch wenn Kirchenvertreter gerne suggerieren, die Unantastbarkeit des Individuums, die in der Erklärung der Menschenrechte grundrechtlichen Status erhielt, sei eine Errungenschaft des Christentums. Es waren aber Aufklärung und Liberalismus, die diese Verrechtlichung des individuellen Unversehrbarkeitsanspruchs, auch gegen heftigen klerikalen Widerstand, durchgesetzt haben. Zwar hat der moderne Begriff des autonomen Individuums der jüdischen und christlichen Tradition viel zu verdanken, und überzeugte Christen stehen heute bei der Verteidigung von Menschenrechten oft in vorderster Front. Die Kodifizierung der Menschenrechte aber war ein Produkt ebenjener Säkularisierung, der die Verfechter des "konsequenten Lebensschutzes" jetzt eine immanente Tendenz zur Missachtung menschlichen Lebens anhängen wollen.