Aber Servin trifft nicht. Seither verfolgt uns der Mann aus München-Giesing. Als Teamchef (einen richtigen Trainerschein hat er nie gemacht). Im Fernsehen, wo er sinnfreie Plauderstunden bereits salonfähig machte, als auf Zlatkos Brust noch kein Haar gesprossen war. Auf den Tribünen der Stadien dieser Welt, wo er dekorativ herumsitzt wie der Reklameonkel, der unserer Oma eine von den roten Bayern-München-Heizdecken andrehen will. Die Kameras hängen an seinem Gesicht wie die Groupies am Hintern eines Teeniestars, und die Lavaters der Sport-Hofberichterstattung, die Töppis, Waldis und Rubis dieser Welt, versuchen zu ergründen, ob der Kaiser seinen Untertanen grollt oder doch nur ein Eisbein quer sitzen hat. Ach, Servin, du hast Beckenbauer zu dem gemacht, was er heute ist: unangreifbar. Unvermeidbar. Der bekannteste Deutsche der Welt. Der graumelierte Fanartikel der Nation.

Nur der Boss aller deutschen Fußballer ist er noch nicht. Und wird es auch nicht werden, wenn am Sonntag der neue Präsident des Deutschen Fußball-Bundes gekürt wird. Warum eigentlich nicht? Beckenbauer brauche bloß mit dem Finger zu schnippen, dann werde er gewählt, wird zwar kolportiert, vor allem von jenen Medienunternehmen, die ihn bezahlen. Doch die Wahrheit sieht anders aus: An der Basis, im Niemandsland der Aschenplätze und ehrenamtlichen Vereinsmeierei, ist der Chef der profitgierigen Bayern nicht gut gelitten. Die da unten akzeptierten schon den Vizepräsidenten Beckenbauer nur, weil der amtierende Boss Egidius Braun darauf bestand. Würde Beckenbauer sich in Magdeburg dem Fußball-Bundestag zur Wahl stellen, bekäme er kaum 20 Prozent der Stimmen, vermutet einer aus der Führungsetage des DFB.

Weil Beckenbauer das ebenso ahnt wie die mit dem Amt verbundene Bürde, hält er selbst sich zurück. Sein Stellungsspiel funktioniert im richtigen Leben so traumwandlerisch sicher wie einst auf dem Platz. Nie rannte er unerreichbaren Bällen hinterher, nie strebt er Posten an, auf denen die Kärrnerarbeit geleistet wird. Dafür gibt es überall in Franz' Welt ein paar Leute wie Katsche Schwarzenbeck, jener legendäre Vorstopper des Kaisers. "Franz ist doch keiner, der am Schreibtisch sitzen kann", sagt Gerhard Mayer-Vorfelder, der geschäftsführende Präsident des DFB. "Etwas konzeptionell zu entwickeln, die dicken Bretter zu bohren, das interessiert ihn null. Aber jeder hat seinen Platz. Er ist die Galionsfigur. Aber die bestimmt nicht die Richtung, die bestimmt der Steuermann." Und der wird auch nach dem 28. April Gerhard Mayer-Vorfelder heißen; er hat bei der Wahl zum DFB-Präsidenten keinen Gegenkandidaten. Das sehen Beckenbauers publizistische Stoßtruppen und Ghostwriter nicht so gern - vorgeblich aus rein altruistischen Motiven. "Mayer-Vorfelder wäre der älteste DFB-Präsident, der je gewählt wurde", sagt Alfred Draxler, der Sportchef von Bild, wo regelmäßig im Namen Beckenbauers eine Kolumne erscheint. "Überall gibt es Aufbruch im deutschen Fußball, aber MV steht für alte Werte. Von Beckenbauer ginge ein anderes Signal aus." Kann Draxler, dessen Zeitung schon den Teamchef Beckenbauer schuf, ihn nicht auch zum DFB-Präsidenten machen? "Die Macht der Bild-Zeitung", sagt da der Mann aus Gelsenkirchen-Schalke, "wird total überschätzt." Den Bundestrainer Berti Vogts hat Draxler mal durch die Mangel gedreht, doch der Terrier blieb im Amt - vorläufig. Außerdem: "Wenn der größte Sportverband der Welt wählt, haben wir den Ausgang dieser Wahl zu akzeptieren." Soso. Wenn solche Bescheidenheit plötzlich das neue Selbstverständnis von Bild ist, dauert ein Spiel 100 Minuten.

Doch auch Bild weiß: Beckenbauer braucht das Amt nicht, der größte Sportverband der Welt ist zu klein für den Sohn eines Postobersekretärs. Fußball ist die letzte Weltreligion, und Beckenbauer ist ihr deutscher Nuntius. "Für das Image der Deutschen im Ausland hat er mehr geleistet als 50 Jahre Diplomatie und 10 Goethe-Institute zusammen", sagt der TV-Moderator Günther Jauch, der viel Lebenszeit neben dem bayerischen Phrasendreher verbrachte. "Er könnte sogar das einzige PDS-Direktmandat in Bayern gewinnen." Oder, wie ein anderes Bonmot sagt, auch Kanzler oder Papst werden. Nur die Reihenfolge müsse er noch festlegen.

Das ist mindestens so unheimlich wie witzig - weil es die Sehnsucht nicht nur der Fußballfans nach der Auflösung des Politischen im Reich der Anekdote zeigt. Und die Bereitwilligkeit des Landes, einem Charmeur der Macht alles durchgehen zu lassen. Längst ist Beckenbauer eine Marke geworden, ein Standortfaktor, dessen Wert sich im Gezerre um TV-Rechte und WM-Vergaben auf mehrere Milliarden beläuft. Wer so viel Geld bewegt, darf in Deutschland Schiedsrichter für alle Lebenslagen sein. Ob Seitensprung oder Abseitsfalle - von der Weisheit des Schweigens hat das Orakel von Kitzbühel noch nie gehört. Der Streit um die Spendenaffäre der CDU? "Kleinkrämerisch, ein Krampf." Europa? "Bei der EU sind Politiker zugange, die in ihrem eigenen Land gescheitert sind. Das kann nicht funktionieren. Ich gebe Europa deshalb keine Chance." Das Olympiastadion in München? "Es wird sich doch hoffentlich ein Terrorist finden, der es wegsprengt."

Er duldet keine Kritik - und man schweigt

"Wenn das ein kleiner NPD-Mann gesagt hätte, wäre es sofort zu Anfragen in den zuständigen Parlamenten gekommen", sagt der frühere Münchner Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel, der den Spieler Beckenbauer bewunderte und vom selbst ernannten Architekturexperten Beckenbauer in Depression gestürzt wurde. Dass niemand ihn mehr zu kritisieren wage, sage "nicht nur etwas über den Herrn, sondern auch über unsere Gesellschaft".