Die verbliebene autonome Szene der Arbeiterbezirke Westberlins, die jetzt hauptsächlich von Arbeitslosen bewohnt werden, verbringt ihre Freizeit in den mit den roten Sternen der siebziger Jahre geschmückten Kneipen und guckt Fußball auf Premiere. Man jubelt kollektiv, wenn Bayern München Tore kassiert, weil Bayern München die letzte konkrete Vorstellung von Kapitalismus ist, die man hat. Man trinkt sehr viel Bier. Man wartet auf den 1. Mai, die alljährlichen "Maifestspiele". Was geschieht am 1. Mai?

Dabei gleicht die massenhafte Sinnleere, die man nicht nur auf der Demonstration und den anschließenden Krawallen selbst, sondern im Vorfeld schon überall an den Toilettenwänden der einschlägigen Szenekneipen finden konnte, plakatiert an Bauzäunen, in Cafés, die neben der taz und der JungleWorld gewisse kleinformatig gedruckte Antifa-Blätter und autonome Sporadika abonniert haben, der Sinnleere einer anderen Großveranstaltung: der Love Parade.

Es gehen Gerüchte in der autonomen Szene, die Polizei träfe mit den Führern der Maidemonstration Absprachen, wo und wann die Krawalle ausbrechen sollten, um sie besser kontrollieren zu können - nicht einmal die Krawalle also seien mehr echt, nicht einmal mehr die Zerstörung irgendwelcher Schaufenster und Autos verbürge die Realität des Politischen, nach der man sich sehnt. Ein Gespenst geht um in Kreuzberg. Es ist das Gespenst des Privaten.

Was der 1. Mai war, ist jetzt die Love Parade: durch die schiere Masse Gleichgesinnter so etwas wie einen autonomen Raum herzustellen, mit dem die Politik umgehen muss, ob sie will oder nicht. Bislang hing sie selbst noch am seidenen Fädchen des Politischen: die Gegendemonstration der "Freunde des Tiergartens" hat dieses Fädchen jetzt, ohne es zu wollen, durchtrennt. Die Love Parade wird keine politische Demonstration mehr sein - im Großmaßstab wird sie öffentliche Autonomie erstmals durch den völligen Rückzug ins Nichtpolitische realisieren.

Der politische Raum entlässt seine Protagonisten in die Privatheit, in das Jenseits der Gesellschaft, das politische Nichts. Sie waren schon tot, es wurden von Jahr zu Jahr mehr, aber sie wussten nicht, dass sie schon lange gestorben waren. Wie lange wird die Politik brauchen, um zu begreifen, dass sie die Demonstrationen zum 1. Mai nur in den Veranstaltungskalender der Stadt aufnehmen muss, um der verbliebenen politisch-autonomen Szene Berlins den Todesstoß zu versetzen?

Das "Kreuzberger Totenbuch" kann man schon lange abonnieren. Es kommt durch den Äther. Was geschieht am 1. Mai? Bayern München spielt gegen Real Madrid. Premiere überträgt.