Diese frühe Erfahrung zerstörter Träume hat mich etwas härter und seelisch stärker gemacht, als es für Kinder meines Alters gut war. Als wir bald darauf in ein wunderschönes Dorf in der Vojvodina umzogen, wurde ich zwei Jahre vor der Zeit eingeschult und war bald umgeben von Mitschülern, die weitaus kräftiger und ruppiger waren als ich. Während ich gezwungen war, ganz schnell erwachsen zu werden, verwandelten sich meine Fantasien in drängende Wünsche: Ich träumte davon, groß, stark und zäh zu sein, mithalten zu können mit den anderen.

Je älter ich wurde, desto mehr verwandelte sich der Sinn meiner Träume von Fantasien in Ambitionen. Jetzt ging es darum, in der Realität etwas zu erreichen, und ich träumte davon, Arzt zu werden. Das Unmögliche wollte ich möglich machen, Menschen heilen, die als unheilbar galten, helfen, wo keiner half, etwas erreichen, was andern nicht gelang, Wissen erwerben, das vor mir keiner hatte. Zum ersten Mal im Leben wurden meine Träume so intensiv, dass sie in mir ein unbändiges Verlangen weckten, zu lernen und Erfolg zu haben. Noch mal ging es nicht nach meinem Wunsch: Die Familie entschied, dass ich nicht Medizin, sondern Wirtschaft studieren sollte. Ein Feld, auf dem ich mich so wenig auskannte wie auskennen wollte. Nach der ersten Enttäuschung stürzte ich mich trotzdem mit Energie ins Studium, um das Beste daraus zu machen.

Damals passierte vieles auf der Weltbühne, das mich faszinierte. Der Vietnamkrieg war in vollem Gange, Afrika befreite sich von der Kolonialherrschaft, Che Guevara veränderte Kuba. Jugendliche in aller Welt verfolgten das mit Spannung. Zu der neuen Generation von Träumern wollte ich gehören, die Weltgemeinschaft transformieren, zu einer gerechteren und sozialeren Ordnung auf der Welt beitragen. In der Welt, wie wir sie wollten, sollte es keine Kriege mehr geben, kein Blutvergießen und kein Morden. Wie weit weg waren diese Träume, einmal wieder, von den realen Gegebenheiten! Während mir immer deutlicher wurde, wie schwierig es ist, auch nur das geringste dieser Ziele zu erreichen, begriff ich immer besser die Macht und Bedeutung derer, die die Weltpolitik dominieren.

Einige Jahre später, nach dem Studium, war ich auf dem besten Weg, in Belgrad ein Staatsdiener von Titos Jugoslawien zu werden, als mein so realistisch gewordener Plan und Traum von einem Erdbeben erschüttert wurde - einem realen Erdbeben in Montenegro, Teil des jugoslawischen Staates. Dort fing ich an, für eine Regierungsbehörde zu arbeiten und eine Vision für die Zukunft des Landes zu erarbeiten - wie für meine eigene. Aus dem einen Jahr, das ich in Montenegro verbringen sollte, wurden sechs, in denen ich versuchte, den Wiederaufbau des schwer zerstörten Landes mit zu organisieren und es in die internationale Arena zu bringen. Meine Träume waren nie so real wie zu dieser Zeit. Es ging darum, die Natur mit Technologie zu überlisten und künftigen Naturkatastrophen vorzubeugen. Konkrete Fragen wie die nach erdbebensicherem Baumaterial und stabilerer Architektur spielten in meinem Alltag die Hauptrolle.

Das innere Leben des Landes verlief dabei eintönig und relativ konfliktfrei, unsere einzigen Sorgen waren die Auslandsschulden. Nicht in meinen ärgsten Träumen hätte ich den Sturm ahnen können, der sich in Jugoslawien zusammenbraute. Ein Unwetter, das aus einem hoffnungsvollen Land ein Theater des Grauens machte, eins von Hass, Blutvergießen und Zerstörung. Ohnehin bin ich nicht jemand, in dessen Vorstellung dunkle Szenarios im Vordergrund stehen.

In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre lernte ich eine andere Welt kennen - ich war als Diplomat in der Republik Tansania. Zwar ist das Land arm, aber reich an Schönheit und Naturwundern. Weit weg von zu Hause lernte ich die Serengeti kennen, den Kilimandscharo, Ngorongoro, Sansibar, den Viktoriasee. Mit Staunen habe ich erlebt, wie mehr als 140 verschiedene ethnische Gruppen und Kulturen dort friedlich zusammenleben, auch indem sie eine Sprache, Suaheli, teilen. Das war eine Art von Wirklichkeit die mir vorkam wie ein Traum.

Ausgerechnet damals, während einer friedlichen Phase in meinem Leben, mitten in einem afrikanischen Traum, war, aus weiter Ferne, zum ersten Mal der Geruch von Gefahr da. Von Gefahr und Katastrophe. Als ich 1989 zurück nach Jugoslawien kam, tat ich, was ich konnte, die Tragödie aufzuhalten, die sich abzeichnete. Ich war keineswegs allein, wir waren viele, die daran glaubten, dass ein Albtraum, wie wir ihn ahnten, in einem Land mit internationalem Ansehen einfach nicht real werden kann. Wir waren davon überzeugt - viel zu überzeugt. Zu unserem Unglück behielten wir nicht Recht. Keine Autorität der Welt, keine Überzeugungskraft, kein Hilfsprogramm war in der Lage, die Zerstörung unseres Landes aufzuhalten. Es brach in sich zusammen, und mit seinem Kollaps starben unsere Träume von Gemeinschaft wie Gleichheit. Vukovar, Mostar, Sarajevo, Foca, Srebrenica, Dubrovnik - Städte und Dörfer in Flammen, Hunderttausende Verletzter und Toter, Millionen zerstörter Häuser und Flüchtlinge.