Ein Satz an Land und wir stehen vor den Rundbogentüren der alten Benediktinerabtei. Keine Touristen, keine Tauben. Nur schattengesprenkelter, gänseblümchenbestreuter Rasen und das leise Schwappen des Wassers - ein hortus conclusus im Meer. Könnte man meinen. Doch da kommt ein Mann in Portiersanzug angerannt und fragt nach unseren Studentenausweisen. Denn auf die Insel darf nicht jeder, und wer hierher kommt, kommt zum Pauken.

San Servolo, einst Kloster, dann Nervenheilanstalt, beherbergt seit 1996 die Venice International University, ein Gemeinschaftsprojekt von sechs Universitäten: der Universitat Autònoma de Barcelona, der Duke University in North Carolina, der Ludwig-Maximilians-Universität in München, der Università Ca' Foscari und dem Istituto Universitario di Architettura in Venedig und seit kurzem der Tel Aviv University. In den Klostermauern heißt es seitdem nur noch labora ohne das ora. Spanische, amerikanische, italienische, israelische und deutsche Studenten nutzen das Fleckchen Land als internationalen Campus. "Studenten und Dozenten verschiedener Herkunft können miteinander lernen und dabei auch neue Lehrtraditionen und Studienweisen kennen lernen", erklärt Professor Eckhard Keßler vom Institut für Philosophie an der Münchner Universität das Grundprinzip. Da kommt es zu manchem interkulturellen Aha-Erlebnis. Die amerikanischen Studenten wundern sich, mit welcher Lässigkeit ihre deutschen Kommilitonen erscheinen oder fern bleiben. Die Deutschen staunen, wie regelmäßig die Amerikaner Leistungsnachweise erbringen müssen. Das Lehrangebot ist umfangreich: Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschafen werden gelehrt - ein Semester oder nur einen Sommerkurs lang.

Ein Plattenweg führt zwischen Bäumen und kugelig geschnittenen Büschen zum Wohntrakt auf der Mitte der Insel. Terrakottarot leuchten die Mauern in der Sonne. Es sind die ehemaligen Krankenräume der Irrenanstalt aus dem 19. Jahrhundert. Großzügige Schlafzimmer für ein oder zwei Studenten liegen jetzt darin, alle mit Telefon, Fernseher und großem Bad, so groß, dass sechs Duschklos der Marke Studentenheim darin Platz hätten. Da stört es nicht wirklich, dass allmorgendlich eine schwarze Ameisenkolonne über die schneeweißen Kacheln wandert. Denn jeden Morgen kommt das Zimmermädchen mit der totenkopfgeschmückten Spraydose: "Formiche? Fa niente!"

45 Studenten können auf San Servolo logieren

Bis vor wenigen Jahren dämmerten die denkmalgeschützten Gebäude dem Verfall entgegen. Behutsame Renovierungen haben dann einen Studienort mit Komfort geschaffen, ohne den morbiden Charme und den verträumten Charakter der Insel zu zerstören. Wie viel Arbeit das war, zeigt der Direktor bei einem Rundgang. An der Schwelle zu einem Flügel der einstigen Anstalt heißt es stehen bleiben. Einsturzgefahr, ab jetzt darf immer nur noch einer vorsichtig weitergehen, mehr Last trägt der Boden nicht. Rechts und links des Gangs dunkle Räume, eng wie Schläuche, mit feuchten Wänden, überall liegen herausgefallene Mörtelstücke. Hinter den vergitterten Fenstern erscheint Venedig fern. Isole dei dolori, Inseln der Schmerzen, heißen San Servolo und die Nachbarinseln San Clemente und La Grazia im Volksmund auch, auf die die lebenshungrige Stadt jahrzehntelang ihre Siechen und Kranken außer Sichtweite verbannte. Der Gedanke, hier eingesperrt zu sein, macht frösteln.

Hell und freundlich dagegen ist der Teil, wo wir vormittags unseren Lehrern lauschen. Sonne strömt durch die großen Fenster aufs Parkett. Reihen gepolsterter Stühle, allesamt mit aufklappbaren Schreibtischchen, die Dozenten hantieren mit Flipchart und modernsten Overheadprojektoren. Niemand muss am Boden hocken oder sich die Beine in den Bauch stehen. Im Computerraum sind genügend Rechner vorhanden, alle mit Internet- und E-Mail-Anschluss. Höchstens 45 Studenten können zurzeit auf der Insel logieren. Aber die Zahl der Betten soll in den kommenden zwei Jahren auf 200 wachsen.

Die Abgeschiedenheit sorgt ganz nebenbei für intensives Lernen. Unser Psychologieseminar hat ein straffes Programm. Den Stoff, der sonst über ein Semester verteilt wird, arbeiten wir hier in einer Woche durch. Trotzdem: Es ist nicht immer leicht, sich auf Zeitmanagement-Training oder auf Wittgenstein-Theorien zu konzentrieren, wenn draußen die Wellen der Lagune an die Kaimauer platschen und ein Vaporetto nach dem anderen seine weiße Schaumspur in Richtung San Marco zieht.