Berlin

Guido Westerwelle ist 39 Jahre alt. Anfang Mai wird er zum neuen FDP-Vorsitzenden gewählt. Das wird der dritte große Verjüngungsschritt in der bundesdeutschen Spitzenpolitik - nach dem Regierungswechsel 1998, der sehr bewusst als Generationenablösung betrieben und erlebt wurde, und dem etwas zufälligeren Aufstieg der Mittvierziger Merkel und Merz an die Spitze der CDU. Die Jugendlichkeit gehört bekanntlich zu Westerwelles Image und Programm; er stützt sich auf den Parteinachwuchs und sucht seine Wähler zwischen Disco und Chatroom. Zugleich aber hat es mit seiner Frische eine etwas prekäre Bewandtnis. Er ist schon ziemlich lange jung, eigentlich ein alter Bekannter, eine Schlüsselfigur der späten Kohl-Ära mit ihren Debatten über Standortwettbewerb und Turbokapitalismus. Nun, nach gut sechs Jahren zunehmend Prinz-Charles-hafter Generalsekretärszeit, soll es richtig losgehen - und man fragt sich, ob da noch etwas Neues kommen kann.

Jürgen Möllemann ist 55 Jahre alt. Wenn es eine Symbolgestalt der Bonner politischen Klasse gibt, eines ewigen Mitmischens von geradezu italienischer Ausdauer, dann diesen Universalfunktionär, der alles schon gemacht hat, Verteidigungspolitik, Außenpolitik, Bildungspolitik, Wirtschaftspolitik, als Abgeordneter, Staatsminister, Bundesminister. Eigentlich müsste er völlig verbraucht und ausgebrannt sein. Paradoxerweise aber steht gerade der Routinier und Veteran Möllemann heute für das Abenteuer FDP. Seit er bei den nordrhein-westfälischen Landtagswahlen vor einem Jahr 9,8 Prozent holte, ist die Partei wieder interessant geworden. Die ganze FDP-Konjunktur dieser Monate verbindet sich mit dem Namen Möllemann - nicht nur die albernen Stichworte wie "Projekt 18", "Volkspartei" oder "Kanzlerkandidat", sondern auch die seriöse Aussicht, die Grünen zu überflügeln, zu verdrängen, womöglich historisch zu erledigen. Ist Westerwelle der Jungpolitiker, der seine schöpferischen Tage vielleicht schon hinter sich hat, so ist Möllemann, spiegelbildlich, der Mann von gestern, auf den sich Zukunftshoffnungen richten.

Viel spricht dafür, dass Westerwelle auf dem Parteitag in Düsseldorf die Oberhand behalten wird. Es ist schwer vorstellbar, dass die Delegierten einem frisch gewählten Vorsitzenden das ungeliebte Institut der Kanzlerkandidatur ins Wahlkampfkonzept zwingen werden - und wenn sie es doch tun, kann er das Amt immer noch für sich selbst beanspruchen. Cornelia Pieper, die künftige Generalsekretärin, soll als Maskottchen der Ost-FDP die Mannschaften aus den neuen Ländern ins Westerwelle-Lager führen.

Aber nicht bloß Möllemann ist unberechenbar, Parteitage sind es auch, und wie Möllemann einen Parteitag zu begeistern vermag, hat er im Juni 2000 in Nürnberg gezeigt, mit einer feurigen Rede, die eine Raketenstufe nach der anderen zündete, bis hin zum Kanzlerkandidatenknüller. Das war, in den bescheidenen Dimensionen der FDP, ein revolutionärer Augenblick, fast wie bei Lafontaine 1995 in Mannheim, wie bei Schäuble im Herbst 1997 in Leipzig, worauf Kohl ihn zum Wunschnachfolger ausrief und damit noch einmal domestizierte.

Westerwelle hat zuletzt oft angespannt und befangen gewirkt, besonders in den Wochen, als er sich einen Generalsekretär suchen musste. In der Öffentlichkeit sah man ihn rauchen, ein seltenes Zeichen von Nervosität; politische Freunde vermissten die Verschmitztheit, den Schalk, das Jungenhafte, mit dem er gewinnt, wenn die ideologische Schärfe abstößt. Kaum je in der Geschichte der Bundesrepublik dürfte ein designierter Parteivorsitzender so umzingelt und eingemauert gewesen sein, hin und her gezerrt, misstrauisch beäugt - von Möllemann-Fans und Möllemann-Hassern, von ehrpusselig-eifersüchtigen Granden wie Döring und Brüderle, von Vorgängern und Vorvorgängern bis hinauf in die Patriarchenetage Lambsdorff-Genscher. Die Entscheidung für Frau Pieper war kein souveräner Akt, sondern die Lösung einer hoch komplizierten Rechenaufgabe, bei der es um Geschlechter- und Regionenproporz, Typusdiversifikation, Postenmathematik ging. Auf das Generalsekretärsamt hatte Westerwelle sich seinerzeit gefreut. Nicht so, wie es scheint, jetzt auf den Parteivorsitz.

Merkwürdig berührte der Eifer, mit dem sich Westerwelle in die Nationalstolz-Debatte warf - um Konservativismusdefizite auszugleichen? Es muss ein recht einsamer Entschluss gewesen sein, in seiner Umgebung eher ratlos zur Kenntnis genommen; wie denn überhaupt um Westerwelle bei aller ostentativen Launigkeit eine Atmosphäre des Solitären, manchmal bis hin zur Verlorenheit, spürbar ist. Möllemann, ausgerechnet Möllemann mit seinem Groß-Ego, hält ihn im Grunde wohl für einen Narziss und daher für bündnisunfähig.