Da ist zum Beispiel die Stadt Rotterdam. Sie ist in diesem Jahr neben Porto die Kulturhauptstadt Europas. Weil sie einmal so schön war? Ich weiß es nicht. Dass die Stadt im Mai 1940 von deutschen Bombern barbarisch verwüstet wurde, daran wird man hier auf Schritt und Tritt erinnert. Auch an Erasmus selbstverständlich, den Humanisten und Kritiker Luthers. Er schrieb das Lob der Torheit und andere kluge Bücher und gehört zu den Säulenheiligen alter Gymnasiasten.

Aber dass er Erasmus von Rotterdam heißt, ist ebenso fragwürdig wie die Angabe meines Geburtsortes: Duisburg. Dort haben mich meine Eltern zwar in die Welt gesetzt, aber drei Monate später in andere Städte des Ruhrgebiets verschleppt. Duisburg habe ich danach nie wiedergesehen. Erasmus war ebenfalls ein unbehauster Mensch, schrieb aber, im Gegensatz zu seinem Kollegen Montaigne, selten über Gasthäuser. Er lebte mal hier, mal dort. Seine Verbindung zu Basel, Rom und zu England war zweifellos inniger als die zu Rotterdam. Trotzdem steht vor der Laurenskirche ein Denkmal, das ihn darstellt, wie er in einem Buch lesend innehält.

Wenn ein Mensch in der Stadt herumsteht und ein Buch liest, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es sich um den Guide Michelin handelt, der sich neuerdings der Rote Führer nennt. (Ach, wenn Mao das noch erlebt hätte!) Mit diesem Buch in der Hand, wo landet der Besucher in Rotterdam? Im Hotel New York oder, wenn er der Gourmandise verfallen ist, im Restaurant Parkheuvel. Und schon füllt sich der Begriff Kultur mit Leben.

Das Hotel New York ist nicht das größte und schon gar nicht das eleganteste und teuerste in Rotterdam. Was also tue ich hier?

Es ist das bei weitem originellste. Dieser bizarre alte Kasten ist glatt hundert Jahre alt und war in seiner Glanzzeit der Hauptsitz der Holland-Amerika Linie. Das ehemalige Verwaltungsgebäude liegt auf einer Insel in der Maas und war damals die letzte Station der Auswanderer nach Amerika. Viele Details in dem erst 1993 zum Hotel umgebauten Gebäude erinnern an die Jahre, als New York nur per Schiff erreicht werden konnte. Große Schrankkoffer stehen in den Fluren herum, das Treppenhaus ist ein gusseisernes Artefakt, die Gästezimmer sind unterschiedlich eingerichtet und groß, die Zimmerdecken vier Meter hoch und die Wände mit Walnussholz verkleidet. Es existiert eine Penthouse Suite (wird nur wochenweise vermietet), und auch die beiden Türme enthalten Zimmer mit spektakulärem Ausblick. Unten gibt es eine Brasserie, die mit der Oyster Bar in Manhattan konkurrieren will, weil hier vom späten Nachmittag bis in die Nacht riesige Mengen von Muscheln, Austern, Scampi und Hummer unter großem Getöse vertilgt werden, zusammen mit Pommes und Tartar mit Ei und gegrilltem Tunfisch. Die Plat de fruit de Mer reicht für drei Personen.

Das alles ist ziemlich schlecht und wird nachlässig im Anblick der ständig vorbeiziehenden Frachter von jungen Leuten dem lärmenden Volk serviert. Den Schiffen muss die nahe Erasmusbrücke immer wieder Platz machen, was den Autoverkehr jedes Mal zum Erliegen bringt. Als Hotelgast muss man aber nicht warten, bis sie sich wieder in die Waagerechte senkt, sondern fährt mit dem Wassertaxi des Hotels in den Leuvehaven ans Nordufer. Dort stehen noch ein paar prächtige Häuser, die das Bombardement überstanden haben.

Das Zentrum wurde dafür zweimal heimgesucht: Nach dem Wiederaufbau in Beton kamen die zweibeinigen Wiederkäuer und spuckten so viele Kaugummis auf den Boden, dass Rotterdam einen Spitzenplatz unter den befleckten Städten einnimmt.