Am 10. Mai wird sich in Zürich eine biblische Szene abspielen. 7 Wölfe werden umringt sein von 700 Schafen. Und siehe, die Wölfe werden sich in Schafe verwandeln. Christoph Schlingensief, ein Theaterschaf in wechselnden Wolfskostümen, hat für seine Hamlet-Inszenierung am Zürcher Schauspielhaus sieben "anonyme aussteigewillige Neonazis" engagiert. Sie sollen die Schauspielertruppe darstellen. Ihr höherer Auftrag jedoch ist es, öffentlich zu Nichtnazis zu werden.

Der Neonazi gerät bei Schlingensief in den Zürcher Kessel der Anständigkeit und des Wohlwollens, und darin soll er allabendlich beschämt die Hasskappe abnehmen. Er soll nicht überzeugt, sondern gesundgeschunkelt, gezähmt, entgiftet, eingemeindet werden. Der Kopfkranke wird vom Leib her geheilt. Er soll nicht denken, sondern genesen. Er soll im Zürcher Kessel allen Hass ausschwitzen. Er soll beweisen, und auch dieser Kalauer muss sein, dass er über gutes Heilfleisch verfügt.

Natürlich funktioniert die Einkesselungstherapie nicht immer. Denn der Böse, der von Gerechten umzingelt ist - das ist auch das Klima, in dem Märtyrer und Monster gedeihen. Timothy McVeigh, der Oklahoma-Killer, der 168 Menschenleben auf dem Gewissen hat, ist im Kessel zum Weltstar geworden und will im Kessel triumphal verglühen. Seine Hinrichtung am 16. Mai erwartet er ungeduldig - als Krönung seines Lebenswerks. Gern hätte er uns via TV alle dabei: Das personifizierte Böse wird über eine Showtreppe zu seinem Henker hinabgehen und sich der Öffentlichkeit opfern. Dieser Eingekesselte wurde nicht weich, vielmehr brachte er den Kessel zum Überkochen.

Eine andere Überdruckkatastrophe erlebte kürzlich die deutsche Hauptstadt. In Berlin gab es eine Diskussion über (unseren) Nationalstolz. Das Böse, das dabei rhetorisch eingekesselt wurde, war der Holocaust, welchem sich das deutsche Theater zu selten stelle. Der Regisseur Peter Stein empfand die Veranstaltung offenbar als einen Kessel der Verlogenen, Korrekten und Selbstgerechten - und brachte ihn, nachdem er selbst lange vor sich hin gekocht hatte, zur Explosion. Stein sprach vom "Braten" und "Grillen" der Juden und bezeichnete Holocaust und Nationalsozialismus als nicht theaterwürdig. Hunderte Ungläubige sahen zu, wie sich da einer vom (wenn auch grimmigen) Schaf in einen hässlichen Wolf verwandelte. Wollte Stein wissen, wie es sich anfühlt, das Böse darzustellen, statt es immer nur zu inszenieren? Wollte er vor lauter Schafen ein Wolfsopfer bringen? Wir fragen besser nicht weiter, sondern empfehlen Herrn Stein zur raschen Therapie den Zürcher Kessel des Kollegen Schlingensief.