Es geschehen noch Zeichen und Wunder im Zeitalter der Globalisierung.

Hier Südafrika, wirtschaftlich ein Wicht, dort die geballte Macht der internationalen Pharmaindustrie. Nord gegen Süd. Reich gegen Arm. Bei diesem Duell drängt sich das biblische Gleichnis auf - und prompt siegt David schriftgetreu, und Goliath liegt im Staube. Die Financial Times sprach nach der Beilegung des Rechtsstreits um die Aids-Patente vom "Vietnam" der Pharmaindustrie. Auch andere Blätter griffen nach der Kapitulation der Multis zu kräftigen Bildern. Kein Entwicklungsland hat nach Ende der Kolonialzeit einen Sieg von größerer wirtschaftlicher Bedeutung errungen.

Den zweiten, weniger heldenhaften Teil der Geschichte aber ließ so mancher euphorisierte Berichterstatter weg: dass nämlich David, also die Regierung Südafrikas, sich nach dem Triumph umgehend selber Schaden zufügte. Der Jubel vor dem Obersten Gericht in Pretoria war noch nicht verklungen, da ließ die ausgebildete Ärztin und Gesundheitsministerin Manto Tshabalala-Msimang verkünden, dass die lang umkämpfte Ausgabe der Aids-Arzneien nun keineswegs erste Priorität habe. Noch wisse man zu wenig über mögliche Nebenwirkungen.

Überdies verfüge Südafrika bereits über adäquate Medikamente gegen Lungenentzündung und andere typische Infektionen, die Aids-Patienten befallen. Im Klartext: So preisgünstig könnt ihr eure Wunderelixiere gar nicht anbieten, dass wir sie haben wollten.

"Ein Dolchstoß in den Rücken", urteilt Mark Heywood. Für südafrikanische Aids-Aktivisten wie ihn und humanitäre Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen oder Oxfam ist die Reaktion bitter. Hatten sie doch mit einer internetgestützten Medienkampagne die Aufmerksamkeit der Welt auf die 4,7 Millionen HIV-Infizierten am Kap gelenkt und erreicht, dass die Pharmakonzerne einen Preisnachlass nach dem anderen verkündeten und schließlich ihre Klage zurückzogen.

Bis vergangene Woche waren die Fronten klar: auf der einen Seite die Südafrikaner, die aufrechten Vorkämpfer gegen die globale Apartheid im Gesundheitswesen. Noch unter Nelson Mandela hatten sie ein Gesetz entworfen, das es erlaubt, teure Medikamente zu verbilligen und notfalls Patente zu umgehen. Auf der anderen Seite die profitgierigen Großunternehmen, die dieses Gesetz gerichtlich anfechten, gerade in einer Zeit, in der das arme Land auf billige Nachahmerpräparate angewiesen ist, weil jeder fünfte Erwachsene am Kap mit dem tödlichen Virus infiziert ist.

Seit die Medikamente verfügbar sind, zeigt sich, was Südafrika leider auch ist: Ein engstirniges Entwicklungsland, dem es bei der Gesundheitsversorgung seiner Bürger nicht nur an Geld, sondern auch an Einsicht und Strategie mangelt. "Viermal haben wir der Regierung im vergangenen Jahr unser Medikament angeboten und nie eine Antwort bekommen", beklagt sich Rolf Krebs, Chef des Pharmaunternehmens Boehringer Ingelheim. Die Ingelheimer stellen eine Arznei für HIVinfizierte Schwangere her, das die Virenübertragung auf das Ungeborene verhindern kann. Dieses Medikament wird in Ländern wie Uganda und Ruanda schon kostenlos an Wöchnerinnen verteilt. Südafrika wartete bis vergangene Woche, um das Geschenk anzunehmen.