Die Türkei orientiert sich nach Europa. Doch was sich derzeit zwischen Istanbul und Ankara abspielt, erinnert eher an die Asienkrise: Eine Währung wird freigegeben und stürzt ins Bodenlose, die Wirtschaft erlahmt, die Arbeit wird knapp. Die Löhne sinken - und mit ihnen das Vertrauen in den Staat, ja ins politische System als Ganzes.

In Thailand, Korea und Indonesien - bald vier Jahre sind es her - öffnete ein ökonomischer Schock die Schleusen für die politische Debatte: Plötzlich wurden die wahren Kosten erörtert, die verfilzte Führungsschichten verursachen. An diesem Punkt ist auch die Türkei angelangt. Hunderttausende gingen in der vergangenen Woche auf die Straßen und verlangten den Rücktritt der Regierung. Die Zeitungen quellen über vor Abrechnungen mit einem System, das einer byzantinischen Vetternwirtschaft gleicht.

Zweimal im vergangenen Jahrhundert hat das Land am Bosporus Zäsuren gewagt: die erste mit Kemal Atatürk, der in den zwanziger Jahren aus den Ruinen des Osmanischen Reiches einen türkischen Nationalstaat formte, die zweite mit Turgut Özal, der in den achtziger Jahren die bäuerlich geprägte Staatswirtschaft auf internationalen Kurs schickte. Nun stehen die Türken vor ihrem dritten Sprung - hin zu einer demokratischen Marktwirtschaft.

Die Chancen stehen nicht schlecht: Der Verdruss über den Status quo ist beträchtlich, und mit Kemal Dervis (siehe Interview) hat ein Mann neuen Stils die politische Bühne betreten, der Kompetenz und Glaubwürdigkeit mit hoher Popularität verbindet. Also Grund zum Optimismus? Das asiatische Beispiel ernüchtert: Dort regieren zwar heute neue Politiker mit neuen Gesetzen, doch der Abschied von der Tradition, von Korruption und Nepotismus, zieht sich elend hin.

Jochen Buchsteiner