An Richard Strauss beißen sich die Postmodernen nach wie vor die Zähne aus: Avantgardisten nehmen den janusköpfigen Luxus-Bajuwaren beim Wort und geißeln ihn als "Musikschneider", das Publikum schätzt einzig und allein den Rosenkavalier (und weiß kaum, warum). Strauss' "fürchterliche Tendenz zum Trivialen, Kitschigen", die Hugo von Hofmannsthal seit 1910 brandmarkte und rühmte, das "Ordinäre so leicht aufsteigend wie Grundwasser", es sperrt sich, sagen seine Gegner, allem Lesartlichen - und bietet aufs erste Hören (wie auf den zweiten Blick?) doch selten mehr als das, schwärmen die Spitzfindigen, seine Liebhaber. Strauss selbst schien darauf erpicht, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben: "Ich hab einmal komponieren wollen, wie die Kuh die Milch gibt" - soll er 1914, am Vorabend des Ersten Weltkriegs, gefeixt haben.

Mit all diesen Anwürfen ist Christian Thielemann, der Shooting Star am Wagner-Pfitzner-Strauss-Himmel des vergangenen Musikjahrzehnts, bestens vertraut. Sein Debüt bei den Wiener Philharmonikern (DG 469 519) mit der berüchtigten Alpensinfonie op. 64 und der Rosenkavalier-Suite von 1946 jedenfalls präsentiert sich altmeisterlich wasserdicht. Nicht dass man Thielemann das demonstrative Gebimmel der Kuhglocken in Auf der Alm oder die Apotheose des vierfach (!) besetzten Blechs im Gipfelsturm der Sinfonie persönlich ankreiden wollte

sein sportives Organisationstalent jedoch und sein markiger Griff in die Eingeweide der Partitur scheinen darüber hinwegzutäuschen, dass es sich hier keineswegs um Kunst im kulinarisch-erbaulichen Sinn des 19. Jahrhunderts handelt - sondern vielmehr und vor allem um ein Stück derber Ironie, um ein Plädoyer für die grenzenlose Naivität, die schamlose Künstlichkeit einer jeden Kunst.

Auch in der Rosenkavalier-Suite setzt Thielemann die Temperatur des mariatheresianischen Kitsches um einige Grade herunter, rückt ein breites sinfonisches Selbstbewusstsein an die Stelle des bittersüß durchbrochenen Schmähs und gewinnt doch - anders als der junge Karajan, ganz anders als Vater und Sohn Kleiber! - kaum mehr als jene "schließliche Leere", die der Welt bis heute suspekt ist. Mögen die Wiener Philharmoniker bei alledem auch spielen wie die Halbgötter in Gold - was bleibt, ist der schale Nachgeschmack eines Adorno-Wortes von 1964: Strauss habe der eigenen Klasse zwar gelegentlich "die Zunge herausgestreckt", es aber nie wirklich böse mit ihr gemeint.