Jerusalem

Das Buch, das die neue israelische Erziehungsministerin für gefährlich hält, heißt Eine Welt der Veränderungen. Sein Titelbild zeigt Michail Gorbatschow, die Beatles, die Marx Brothers, Yehudi Menuhin, Sigmund Freud, einen VW Käfer sowie Jitzhak Rabin mit König Hussein und Bill Clinton.

Erziehungsministerin Limor Livnat, eine Frau der Rechten mit starkem Willen und Charakter, möchte wieder mehr Platz für "zionistische Inhalte" in den Lehrplänen schaffen. Sie meint, die nationalen Werte kämen in dem Schulbuch für die 9. Klasse zu kurz, und hat es als untauglich für den Unterricht befunden. Auch bei der Knesset fiel das Werk durch: Der Ausschuss für Erziehung beschloss, dass "Fehler korrigiert und Mängel behoben" werden müssten. Das 295-Seiten-Werk fiel vor allem wegen seiner Auslassungen in Ungnade. Man bemängelte die fehlende Erwähnung des Aufstands im Warschauer Ghetto, forderte ein Foto von Staatsgründer David Ben Gurion und war entsetzt darüber, dass die übliche Karte von der Invasion Israels durch die arabischen Armeen im Mai 1948 durch eine Karte mit den palästinensischen Flüchtlingsbewegungen ersetzt worden war.

Ohne den jüngsten Aufstand der Palästinenser, der nun schon seit Ende September tobt, hätte die eiserne Lady von Ariel Scharons Likud-Partei vermutlich nicht so viel Unterstützung gefunden. Doch die dauernde Konfrontation führt zu einer Radikalisierung in Israel. Viele Menschen sind verunsichert. Der Ruf nach nationalen und zionistischen Werten wird lauter - zumal, so das Argument vieler Israelis, die arabische Seite ihre Lehrpläne nicht umschreibe.

Gleichzeitig mit dem umstrittenen Buch sind zwei weitere Lehrmaterialien erschienen, in denen die Geschichte des Krieges von 1948 neu geschrieben wird. Dort wird dem Mythos von der arabischen Übermacht ein Ende gesetzt: "An fast jeder Front und in fast jeder Schlacht hatte die jüdische Seite einen Vorteil gegenüber den Arabern, was Planung, Organisation, Umgang mit Ausrüstung und auch die Zahl der trainierten Kämpfer, die an der Schlacht teilnahmen, anging." Dies steht im krassen Gegensatz zu dem Prinzip "Viele gegen wenige", das bis in die achtziger Jahre an den israelischen Schulen gelehrt wurde. Die Unabhängigkeit des Staates galt als ein Wunder, das nicht weiter hinterfragt wurde.

Eltern entrüsten sich insbesondere über eine Schulaufgabe, die von ihren Kindern Einfühlungsvermögen in den Feind erwartet. In einem der Lehrbücher werden drei Berichte über den Sechstagekrieg von 1967 verlangt: aus der Sicht eines israelischen Soldaten, der nach Hause schreibt, aus der Sicht eines ägyptischen Kriegsgefangenen in Israel und aus der Sicht einer Palästinenserin in einem Flüchtlingslager im Gaza-Streifen, der gerade von der Armee besetzt wurde.

Dany Yacooby hat das Buch geschrieben, das die Erziehungsministerin so erzürnt, und er verteidigt sein Werk. "Wenn sich Gesellschaft und Medien verändern, dann muss man auch die Schulbücher umschreiben", sagt er. Yacooby, der selbst viele Jahre im Gymnasium Geschichte unterrichtet hat, hält es für fatal, den Schülern Informationen vorzuenthalten. "Sie erfahren heute doch sowieso alles aus dem Internet oder im Fernsehen."