Längst haben sich die gängigen Lesarten der 68er-Revolte zu - politisch jederzeit instrumentalisierbaren - Klischeebildern verfestigt. Apologeten und Gegner teilen freilich die Prämisse, von "68" sei tatsächlich eine tiefgreifende und nachhaltige "kulturrevolutionäre" Veränderung ausgegangen.

Aus dieser Vorstellung wird, im Guten wie im Bösen, eine Kontinuität des Fortwirkens der Ideen von 1968 bis heute konstruiert.

Der Frankfurter Historiker Gerd Koenen, selbst ein Aktivist von damals, bringt eine ganz andere Sichtweise in die verfahrene Debatte ein. Das rote Jahrzehnt, das er von 1967 bis 1977 ansetzt, erscheint bei ihm als eine abgeschlossene, geradezu hermetisch versiegelte Epoche, der man sich nur gleichsam archäologisch und ethnologisch nähern kann: durch das Einsammeln und mühevolle Zusammensetzen der verbliebenen Erinnerungsscherben und mit dem hermeneutischen Blick eines Stammeskundlers, der fremdartige Rituale einer versunkenen Kultur zu entziffern versucht. Dabei gilt es zunächst, zählebiges mythisches Verklärungsvokabular und verhärtete retrospektive Legitimationsmuster zu durchdringen, die sich über die realen Verhältnisse in der linksradikalen Parallelgesellschaft der Post-68er-Ära geschoben haben.

Bei Koenen rücken dabei endlich auch die siebziger Jahre in den Mittelpunkt intensiver historiografischer Betrachtung. In der Flut von 68er-Literatur wurden sie bisher zumeist ausgespart oder nur als unansehnlicher Wurmfortsatz der bunt schillernden Sixties abgehandelt. Mit der Linken der Siebziger und ihrer eigentümlichen Mischung aus hedonistischem Narzissmus und sektierischem Fanatismus, mit ihrem zunehmend desperaten und ziellosen Furor gegen "das Bestehende" und ihrer düsteren Dialektik von moralischer Selbstermächtigung und nach außen projiziertem Selbsthass, der im Todestrip der Terroristen kulminierte, mag sich eben niemand mehr identifizieren. Und wer kann oder will auch heute noch die sterilen ideologischen Grabenkämpfe um die einzig wahre "proletarische Linie" zwischen den diversen revolutionären Sekten nachvollziehen: zwischen Maoisten, Spontaneisten, Trotzkisten, Anarcho-Kommunisten und freischwebenden "Undogmatischen" jeglicher Couleur?

Und doch ist die akribische Rekonstruktion der Fraktionierungsmechanismen der radikalen Linken, mit der Koenen seinen Lesern einige Konzentrationsfähigkeit abverlangt, notwendig - ja, sie war überfällig. Führt der Blick auf den manischen Gründungs-, Organisierungs- und Abgrenzungsdrang dieser Jahre, von dem keineswegs nur die strammen ML-Kadergruppen befallen waren, doch geradewegs zu einem verborgenen sozialpsychologischen Kernmotiv der "Bewegung". Die Abschottung in einem Gegenuniversum des revolutionären Scheins war Ausdruck des Wunsches einer verunsicherten bürgerlichen Mittelstandsjugend, der Relativität des Daseins in einer ausdifferenzierten modernen Gesellschaft zu entkommen. Und es war der Versuch, die Angst vor der Leere eines substanzlosen Alltags zu betäuben. "Der imaginäre Anschluss an die ,wirkliche Geschichte', den wir so fieberhaft suchten", resümiert Koenen, "war eine Flucht aus der unerträglichen Leichtigkeit unserer eigenen Lebenswelt, der wir nicht trauten, zurück in das Zeitalter der Weltkriege und Bürgerkriege, das uns viel ,realer' und gegenwärtiger erschien. Und hinaus in eine Weltarena, in der längst eine radikale Revolution im Gange war - die Frage war nur, ob mit oder ohne uns."

Vom Pol-Pot-Verehrer zum liberalen Prachtkerl

Koenens Urteil über das Erbe der siebziger Jahre, in denen sich das linksradikale Milieu zu einer "mythologischen Sonderwelt" verfestigte, fällt erbarmungslos aus: "Der spezifische politische Ideenfundus, also das, wofür die deutsche Sprache den plastischen Begriff des ,Gedankenguts' hat, ist zu einem übergroßen Anteil Makulatur geworden oder geblieben." Das Jahrzehnt, das so viel intellektuelles und lebensgeschichtliches Potenzial verschlang, nennt Koenen, in dem ihm eigenen Hang zur poetischen Zuspitzung, "das schwarze Loch".