Das Vaporetto der Linie 20 steuert auf die Wellen hinaus. Aus sanftem Schaukeln wird Schwanken, salzige Gischt vermischt sich mit dem Dieselgeruch des Motors. Nach zehn Minuten Fahrt hält das Boot mitten in der Lagune am Steg der Isola di San Servolo. Wie eingespannt in eine schiefe Staffelei liegt die winzige grüne Insel in ihrem Steinrahmen. Lang gestreckte Gebäude schieben sich bis ans Wasser heran, darüber lugen die Kugelhelme zweier Türmchen hervor.

Ein Satz an Land und wir stehen vor den Rundbogentüren der alten Benediktinerabtei. Keine Touristen, keine Tauben. Nur schattengesprenkelter, gänseblümchenbestreuter Rasen und das leise Schwappen des Wassers - ein hortus conclusus im Meer. Könnte man meinen. Doch da kommt ein Mann in Portiersanzug angerannt und fragt nach unseren Studentenausweisen. Denn auf die Insel darf nicht jeder, und wer hierher kommt, kommt zum Pauken.

San Servolo, einst Kloster, dann Nervenheilanstalt, beherbergt seit 1996 die Venice International University, ein Gemeinschaftsprojekt von sechs Universitäten: der Universitat Autònoma de Barcelona, der Duke University in North Carolina, der Ludwig-Maximilians-Universität in München, der Università Ca' Foscari und dem Istituto Universitario di Architettura in Venedig und seit kurzem der Tel Aviv University. In den Klostermauern heißt es seitdem nur noch labora ohne das ora. Spanische, amerikanische, italienische, israelische und deutsche Studenten nutzen das Fleckchen Land als internationalen Campus. Studenten und Dozenten verschiedener Herkunft können miteinander lernen und dabei auch neue Lehrtraditionen und Studienweisen kennen lernen, erklärt Professor Eckhard Keßler vom Institut für Philosophie an der Münchner Universität das Grundprinzip. Da kommt es zu manchem interkulturellen Aha-Erlebnis. Die amerikanischen Studenten wundern sich, mit welcher Lässigkeit ihre deutschen Kommilitonen erscheinen oder fern bleiben.

Die Deutschen staunen, wie regelmäßig die Amerikaner Leistungsnachweise erbringen müssen. Das Lehrangebot ist umfangreich: Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschafen werden gelehrt - ein Semester oder nur einen Sommerkurs lang.

Ein Plattenweg führt zwischen Bäumen und kugelig geschnittenen Büschen zum Wohntrakt auf der Mitte der Insel. Terrakottarot leuchten die Mauern in der Sonne. Es sind die ehemaligen Krankenräume der Irrenanstalt aus dem 19.

Jahrhundert. Großzügige Schlafzimmer für ein oder zwei Studenten liegen jetzt darin, alle mit Telefon, Fernseher und großem Bad, so groß, dass sechs Duschklos der Marke Studentenheim darin Platz hätten. Da stört es nicht wirklich, dass allmorgendlich eine schwarze Ameisenkolonne über die schneeweißen Kacheln wandert. Denn jeden Morgen kommt das Zimmermädchen mit der totenkopfgeschmückten Spraydose: Formiche? Fa niente!

45 Studenten können auf San Servolo logieren