Der Kapitän steht auf der Brücke des Schiffes, die roten Hosenträger fest verzurrt. Heute ist wieder ein stürmischer Tag. Über den Bordcomputer laufen die Meldungen ein: Atommüll nach Russland, Agent verhaftet, Fußball-Champions-League. Alexej Wenediktow klopft mit den Fingern auf den Tisch der Redaktionskonferenz. Was ist die Hauptnachricht: Atommüll oder Spione? Der Kapitän denkt schneller als die Mannschaft: Der Müll, was sonst! Aber wie gehen wir ran? Die Redakteure grübeln, Wenediktow redet einfach weiter: Da machen wir ein Interview mit dem Atomminister und einem Duma-Abgeordneten über die Entscheidung im Parlament, dazu kommt ein Schröder-O-Ton aus dem Archiv, und fertig ist ein Klasse-Block! Spricht's und schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch, als ein Hosenträger sich vom Bund losreißt.

Fußball!, ruft er, spielen heute Abend auch Moskauer Klubs? Der Sportredakteur referiert knapp: Nein. Wenediktow winkt ab. Dann lieber Hockey als Aufmacher, da sind unsere ganz vorn dabei! Aus der vibrierenden Hand des Chefs rutscht der Kugelschreiber auf den Boden. Halb unter den Tisch gebeugt, röhrt Wenediktow: Der jugoslawische Premier kommt in die Stadt!

und zeigt mit dem gebändigten Stift auf eine Redakteurin. Ira! Die Themen im Interview: Serbiens Schulden, Kosovo, Milosevic! Zufrieden klemmt der Kapitän den Hosenträger wieder an der Cordhose fest. Dann lasst uns mal ranklotzen!

Die Sendelizenz stammt noch von Gorbatschow

Volle Kraft voraus. Heute werden wieder 500 000 Zuhörer Echo Moskau einschalten, dazu kommen vier Millionen in Russlands Provinzen. Der Privatsender gehört zu Moskaus beliebtesten Radiostationen, ein Kunststück, weil Echo mit harten Informationen handelt statt mit weich gespülten Musikkonserven. Echo Moskau ist ein Glasnost-Produkt. Als Michail Gorbatschow und der Oberste Sowjet 1990 nicht-staatliche Medien zuließen, gründete eine Gruppe von Journalisten das Radio. Auf die Sendelizenz Nummer eins sind sie heute noch stolz. Der 45-jährige Alexej Wenediktow war von Anfang an dabei.

1998 wählte die Redaktion den Vollbärtigen zum Chefredakteur. Mit 86 Prozent, fast wie bei Kim Il Sung, witzelt er. Mancher Diktator darf mich beneiden.

Wenediktow rechnet es sich als seinen größten Erfolg an, dass Echo schwarze Zahlen schreibt. Der Werbemarkt ist zwar klein nach westlichem Maßstab, doch russische Unternehmen surfen mit ihrer Reklame gern auf der Informationswelle. Hier erreichen sie Moskaus konsumwütige Schichten, Neureiche, Mittelständler, aber auch die Käufer von Tütensuppen und Kastenbrot. Der Sender ist in seiner Nische zwischen Britney-Spears-Programmen, russischen Heulbojenfunkern und dem offiziellen Radio Russland konkurrenzlos. Bisher haben auch staatliche Medientechnologen das Echo nicht einzudämmen versucht.