Wenn Ahnungen in Gewissheit umschlagen: Diesen Punkt haben wir im Bildungswesen erreicht. Gefragt ist allerdings nicht die "Bildungsoffensive", die neuerdings in schöner Eintracht von Bundeskanzler, Ministerpräsidenten und Wirtschaftsbossen gefordert wird.

Wir wissen längst, dass den Schulen eine Legion neuer Aufgaben, von Computerkunde bis Ernährungslehre, zuwachsen. Wir wissen, dass deutsche Schüler im internationalen Vergleich nicht überragend abschneiden, dass es viele ausgebrannte oder unterengagierte Lehrer gibt. Wir wissen es aus den Medien, aus den wohlfeilen Aufrüttelungsreden. Doch über die Bedingung des lauthals beschworenen Aufbruchs in die Wissensgesellschaft wird beharrlich geschwiegen: den Elternbeitrag zur "Bildungsoffensive", die Erziehung.

Wer eigene Kinder hat, wer sich in den Schulen umsieht und den guten und kämpferischen Lehrern zuhört (von denen es mehr gibt, als die Medien suggerieren), der sieht sich mit einem dramatischen Widerspruch zwischen zweckoptimistischer Rhetorik und ernüchternder Wirklichkeit konfrontiert. Die Schulen sollen immer mehr lehren - und die Schüler bringen immer weniger von zu Hause mit.

Der Deutsche Lehrerverband hat sich in der vergangenen Woche mit einem drängenden Appell (www.lehrerverband.de) an die Eltern gewandt: "Bildungsoffensiven", heißt es darin, "sind nur denkbar, wenn sie von den Eltern zu Hause durch aktives Erziehen mitgetragen werden."

"Aktives Erziehen" ist die dürre Umschreibung für Selbstverständlichkeiten, die keine mehr sind. Dazu gehört, dass Kinder vor der Schule ein Frühstück bekommen

dass es irgendjemanden interessiert, ob und wie sie ihre Schularbeiten erledigen

dass sie ausgeschlafen zur Schule gehen