Japan ist auch ein buddhistisches Land, und manche Japaner glauben in diesen Tagen an seine Wiedergeburt. Zwei Gründe gibt es dafür: Prinzessin Masako trägt endlich ein Baby im Bauch, das vielleicht, wenn es ein Junge ist, der neue Kaiser sein wird. Und die Liberaldemokratische Regierungspartei (LDP) hat sich endlich einen attraktiven Premierminister ausgesucht.

Junichiro Koizumi heißt der Mann, trägt wehende Haare, hat ein forsches Auftreten und ist seit langem ein Einzelgänger, weshalb ihn die Japaner "unnormal" nennen. Dieser Sonderling nun will die Kräfte, die ihm im Wege stehen, "zerstören", sich "keinem Druck beugen" und "Japan verändern", damit das kleine Kaiserkind in besseren Zeiten aufwachse. Dafür betet der angehende Inselchef einmal im Jahr vor dem Yasukuni-Schrein in Tokyo, wo die Seelen aller japanischen Kriegshelden wohnen, und seien es auch überführte Kriegsverbrecher, die für den Kaiser starben. Denn Japan ist auch ein kaisergläubiges Land.

Können die Japaner, frustriert nach zehn Jahren Rezession und Wirtschaftsstagnation, mit Koizumi und Kaiserkind also wieder an ihr altes Selbstbewusstsein anknüpfen? Jedenfalls hat das Land in dieser Woche einen deutlichen Rechtsruck erlebt. Eine "neue Generation japanischer Nationalisten ist am Zuge", beobachtet Jesper Koll, Vizepräsident der amerikanischen Investmentbank Merrill Lynch in Tokyo, der seit 15 Jahren liberaldemokratische Politiker berät.

Die Entwicklung kommt überraschend, zumindest zu diesem Zeitpunkt. Noch in der vergangenen Woche wagte niemand, auf Koizumi als Regierungschef zu wetten. Sein parteiinterner Konkurrent im Rennen um die Nachfolge des glücklosen Premiers Yoshiro Mori war niemand anderes als der Führer der größten LDP-Fraktion im Parlament, die Japan trotz wechselnder Regierungschefs 30 Jahre lang mit eiserner Hand regiert hat. Ryutaro Hashimoto war Kandidat der heute nach ihm benannten Fraktion, die Anfang der siebziger Jahre vom Paten des japanischen Wirtschaftswunders, Kakuei Tanaka, gegründet wurde. Hashimoto hatte alle LDP-Älteren hinter sich. Wie konnte er verlieren?

Ganz einfach: weil Japan eine Demokratie ist. Im vergangenen Jahr hatte sich die altbewährte LDP-Praxis, den Parteiältesten hinter den Kulissen die Wahl des Regierungschefs zu überlassen, mit der Ernennung Moris endgültig diskreditiert. Sieben Premierminister in zehn Jahren - das war gewissermaßen ein Versager zu viel. Zu Beginn dieses Jahres wurde deshalb parteiintern ein neues System zur Wahl des Parteichefs eingeführt, der entsprechend den herrschenden Mehrheitsverhältnissen im Parlament automatisch auch Premierminister wird. Deshalb war es der Parteibasis von 2,3 Millionen Mitgliedern erlaubt, nach der Rücktrittsankündigung Moris über dessen Nachfolger abzustimmen. Und sie entschied sich in den Lokalbezirken so klar für Koizumi, dass die Parlamentsabgeordneten der Partei, deren Stimmen bei der Wahl das größte Gewicht zufällt, dem Votum der Basis folgen mussten.

Die Entscheidung der Parteimitglieder war von dem Wunsch getragen, bei den im Sommer bevorstehenden Parlamentswahlen zum Oberhaus mit einem populären Premier anzutreten. Dafür kam nur Koizumi infrage, ein in Meinungsumfragen erfolgreicher Außenseiter der Partei, der die Nation seit Jahren mit seinem ungewöhnlichen Redeschwall auf dem Fernsehbildschirm unterhält. So ungewöhnlich, dass die so genannte "Koizumi-Revolution" zum geflügelten Wort an den Sushi-Bars des Landes wurde, wo man in ihr halb spöttisch, halb amüsiert eine letzte Chance für Veränderung erkannte.

Was aber kann eine Ein-Mann-Revolution im Land der großen Harmonie bewirken?