die zeit: Welches Charakterprofil hat ein guter Strafverteidiger?

Klaus Lüderssen: Das kann man nicht für alle Zeiten und alle Orte gleich beantworten. Hier und heute sind es Menschen mit außerordentlichen juristischen Fähigkeiten, die Lust am Tüfteln und am Herausarbeiten von dogmatischen Feinheiten haben - allerdings in dem Bestreben, damit denjenigen zu helfen, die in den Sog der Strafverfolgung gekommen sind.

Staatsanwaltschaft und Gericht sind zusammen so mächtig, dass die Autonomie des Beschuldigten, seine Subjektstellung im Prozess, nur gewahrt werden kann durch einen starken Beistand. Und dieses Motiv spielt rechtspolitisch, aber auch menschlich bei heutigen Verteidigern eine große Rolle.

zeit: Warum sehen sich Verteidiger so oft in Opposition zum Staat?

Lüderssen: Jeder Staat der Welt, auch der liberale Rechtsstaat, verkörpert eine enorme Machtfülle. Man muss kein Linker sein, um sich dagegen zu wenden, ein liberaler Bürgersinn genügt. Und von diesem Sinn sind Verteidiger erfüllt.

zeit: Bei Richtern und Staatsanwälten fallen oft unfreundliche Worte über Strafverteidiger.

Lüderssen: Das ist nur logisch. Ein Prozess ist ja keine friedliche Einigung.